Mehrere Projekte parallel verfolgen oder Fokus auf ein Business-Modell?

Kolumne von Tim Chimoy

Darauf gibt es keine klare Antwort, denn die Entscheidung hängt von vielen Faktoren ab. Jeder hat andere Vorlieben, einen anderen Lebensstil, eine andere Empfindlichkeit, was Stress angeht. Und natürlich auch unterschiedlich ambitionierte Ziele.

In den letzten Jahren habe ich selbst immer wieder mehrere Baustellen parallel aufgerissen. Das liegt zum Einen daran, dass ich gerne neue Dinge ausprobiere. Zum Anderen fülle ich meine Freizeit wieder ruck-zuck mit neuen Projekten, sobald ich zu viel Leerlauf habe – weil mir genau das einfach viel Spaß macht.

Nachteile mehrere Projekte
Ich habe dabei aber auch die negativen Seiten des Jonglierens mit mehreren Projekten kennengelernt. Das größte Problem: Es wird schnell stressig und man hat durch das Springen von Projekt zu Projekt wenig Gelegenheit, im Kopf zur Ruhe zu kommen. Auch die Entscheidung, an welcher Baustelle die Arbeit gerade dringender ist, führt zu einem latent schlechten Gewissen, gerade etwas zu vernachlässigen.

Vorteile ein Projekt
Die Vorteile, sich einem einzigen Businessmodell zu widmen (so wie es in den Zeiten vor „Digital Business“ die Regel war) sind eindeutig. Neben weniger Unruhe („habe ich schon genug getan?“) ist wohl das wichtigste Argument, dass man einen laserscharfen Fokus auf eine Sache richten kann. Man kann zu einem „Profispieler“ in seinem Geschäftsbereich werden. Das ist beim Jonglieren mit mehreren Projekten schwierig. Fokus bietet einem die Chance, richtig zu wachsen.

Vorteile mehrere Projekte
Aber es gibt auch Vorteile für das Betreiben von mehreren Projekten. Man diversifiziert! Nicht nur bei der Geldanlage ist Diversifikation wichtig. Es macht Sinn, mehr als eine Einnahmequelle zu haben. So kommt schließlich weiterhin Geld herein, wenn ein Projekt einmal scheitert. Zudem kann man sich so ausprobieren, diverse Interessen ausleben.

Ich versuche mittlerweile, keine neuen Baustellen aufzureißen. Nicht zuletzt auch um häufiger einmal zur Ruhe zu kommen. Dabei habe ich zwei gut laufende Geschäftsmodelle, auf die ich mich voll fokussiere. Unsere Citizen Circle Community, sowie meine Arbeit als Architekt und Workspace Designer. Diese Dinge bekommen meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie ergänzen sich auch – und passen für mich unter einen Hut.

Und jetzt du! Wie gehst du mit dieser Frage um? Entscheidest du dich bewusst dafür, viele Projekte parallel zu verfolgen? Oder tust du es, aber wünscht dir eigentlich einen klareren Fokus? Vielleicht bist du auch auf ein Geschäftsmodell fokussiert, und kannst bestätigen, wie viel mehr Energie man dadurch aufbringen kann? Ich freue mich über deine Meinung.

Zuerst erschienen als Montagspost von Tim Chimoy vom Citizen Circle, einer Querdenker-Community, die Gründer dabei unterstützt, mit einem digitalen, ortsunabhängigen Businessmodell durchzustarten.

Das Berater-Syndrom

„Alles Gute kommt von außen“ scheint nicht nur das neue Heilsversprechen von Unternehmensberatern und beratenden Agenturen zu sein, sondern auch das Credo von führenden Managern in Großkonzernen. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich gehöre selbst zum beratenden Gewerbe. Und ich beobachte einen gefährlichen Trend, der vor allem im Management der großen Unternehmen um sich zu greifen scheint.

Milliarden-Umsatz
Wenn wir Unternehmensberater ehrlich sind, dann ist ein Konzern mit Milliarden-Umsatz unser großes Ziel. Wer einmal einen großen Fisch am Haken hatte, kann mit weiterer Fangbeute rechnen. Bei einigen von uns führt das zu großem Selbstbewusstsein – manchmal auch zu übergroßem. Denn es besteht durchaus die Gefahr, die eigene Berater-Funktion zu verlassen und sich zu viel mehr berufen zu fühlen. Manchmal wird das noch durch ein unkoordiniertes Management befeuert. Denn einige der Manager, die sich nach jungen, hippen und digitalen Trendsettern sehnen, haben selbst den Anschluss schon längst verloren und geben gerne die Führung über ganze Abteilungen und dutzende Mitarbeiter ab.

Aber ist das noch Sinn und Zweck der Unternehmensberatung? Mitnichten. Externe Berater sollten niemals als zwischengeschaltete Chefs fungieren und sich auch nicht dafür benutzen lassen oder sich dazu berufen fühlen. Die vermeintliche Verantwortung mag den einen oder anderen Berater locken, aber er kann sich gewahr darüber sein, dass er demnächst ersetzt werden wird, nämlich durch den nächsten Berater, denn er ist und wird nie ein Teil des Konzerns sein, für den er aktuell tätig ist.
Der Berater sollte genau das tun, was er am besten kann: Beraten, und zwar in seinem persönlichen Fachgebiet. Das bedeutet, dass er keine Entscheidungen für die zuständigen Manager fällt. Er kann maximal mit-entscheiden – auf eigenes Risiko natürlich. Im Idealfall aber spricht der Unternehmensberater lediglich einen Rat (für eine Strategie) aus und der erfahrene Manager kann diesem Rat folgen oder ihm nicht folgen. Folgt er ihm, kann der Berater mithilfe des Managers gemeinsam mit den Mitarbeitern Lösungen zur Optimierung des jeweiligen Problems finden und umsetzen. Das ist der Idealfall der Unternehmensberatung für alle Beteiligten.

Leider sieht die Realität häufig ganz anders aus. Überforderte Manager holen sich dieser Zeit gerne gleich einen ganzen Stall an externen Beratern ins Haus, die ihnen bequemerweise für viel Geld nicht nur die Arbeit, sondern auch gleich die Entscheidungen abnehmen. Das geschieht in den meisten Fällen nicht aus Faulheit, sondern aus Unwissenheit und Unsicherheit. Wer nicht mehr weiß, wie er führen soll, überschwemmt seine Mitarbeiter mit Beratungen. Diese wiederum fühlen sich übergangen, denn ihre Arbeit ist augenscheinlich nicht mehr gut genug. Dabei wissen sie gar nicht genau, warum das so ist. Leere Floskeln und fehlendes Feedback vom Management lassen sie demotiviert zurückfallen und zur Krönung wird dann externen Beratern die Führung überlassen. Leider ist das kein Einzelfall in der Landschaft der Großkonzerne.

Was dagegen tun?
Jeder Berater kann in so einen Fall hineinrutschen. Was kann dann getan werden? Zunächst einmal: Nicht abheben und darüber nachdenken, was Unternehmensberatung für einen selbst bedeutet. Natürlich variiert die Verantwortung mit dem jeweiligen Fachbereich. Aber wo sind die persönlichen Grenzen? Wie viel Führung will ich übernehmen und wie viel Beratung kann ich leisten? Mit wem will ich arbeiten? Und wen brauche ich, um erfolgreich beraten zu können?

Ich kenne Unternehmensberater, die in Konzerne gehen, ohne sich den Mitarbeitern vorzustellen, ohne sie nach ihrer Arbeit zu fragen und ohne nur ein einziges Mal versucht zu haben, sich in sie hinein zu versetzen. Diese Berater kassieren trotz ihres Desinteresses meist beachtliche Honorare, weil sie nur mit den Managern sprechen, die Mitarbeiter außer Acht lassen und damit die Ansichten des Managements ohne Reflexion bestärken. Schließlich bescheren sie auch noch die passenden Zahlen und schon sind Berater und Manager glücklich. Diese Berater fungieren alleine als „Oberbau“ und was im „Unterbau“, bei den Mitarbeitern passiert, ist ihnen egal. Es prallt an ihnen ab. Die Mitarbeiter sind in der Folge demotiviert, sie wiegeln sich auf und verlassen im schlimmsten Fall freiwillig die Firma. Es rette sich, wer kann. Und das Management ist am Ende noch froh, den externen Berater geholt zu haben, denn auf seine eigenen Mitarbeiter habe es sich ja nie richtig verlassen können. Dass das Management selbst sie entmündigt, zu Arbeitslaien degradiert und schließlich vergrault hat, wird nie zur Debatte gestellt werden. So bluten Großkonzerne durch den Weggang fähiger Mitarbeiter nach und nach aus.

Darum sollten wir Unternehmensberater nicht nur Verantwortung für uns selbst, damit meine ich die eigene Selbständigkeit, aufbringen, sondern auch für jedes Projekt und jeden Prozess in jedem Unternehmen, an dem wir beteiligt sind. Gerade wir Externe haben einen geschärften Blick von außen für die Situation des Unternehmens – wenn wir Interesse daran haben, uns in die Welt des Konzerns einzuarbeiten. Wir sollten nicht einfach nur unser „Programm“ fahren, die beste Strategie anwenden, die bei den Managern und uns selbst die Zahlen stimmen lässt, sondern uns fragen, ob unsere Beratung die beste ist, die dem jeweiligen Unternehmen gegeben werden kann. Halbherzige und automatisierte Beratung bringt halbherzige Ergebnisse und ist langfristig eine Katastrophe für die Unternehmen.

Was ist also zu tun? Ganz einfach: Kommen Sie als Mensch, nicht als Berater in die Firma und sprechen Sie mit den Menschen. Damit meine ich nicht nur die Führungspersonen, sondern auch die Mitarbeiter. Das gilt für alle Berater in jedem Bereich.

Die richtigen Fragen
Und dann sollten Sie sich folgende Fragen stellen: Was hat zu den Verlusten der vergangenen Jahre geführt? Wer ist dafür verantwortlich?
Wer wird dafür verantwortlich gemacht?
Welche Fehlentscheidungen haben dazu geführt?
Wie ist dieses Unternehmen groß geworden?
Wer hat dieses Unternehmen erfolgreich gemacht?
Auf wen wird dieser Erfolg zurückgeführt?
Welche Strategien wurden dazu angewandt?

Alle Antworten werden Sie in dem Unternehmen finden, in dem Sie gerade tätig sind. Und sie benötigen sie, um an die Erfolge anzuknüpfen und die Fehler auszumerzen zu können. Jetzt das allerbeste: Nicht nur die Manager, sondern auch die Mitarbeiter werden Ihnen bei dieser Analyse, die am Anfang einer jeden Beratung stehen sollte, gern zur Seite stehen, wenn Sie ihnen das Gefühl geben, dass Sie nicht gegen sie, sondern mit ihnen arbeiten. Wie sich die Mitarbeiter Ihnen gegenüber verhalten, ist also ein Spiegel Ihres eigenen Verhaltens. Es liegt in Ihren Händen. Schaffen Sie eine vertrauensvolle Basis und wertschätzen Sie die Mitarbeiter der Konzerne. Sie sind ihren Unternehmen oft Jahre oder jahrzehntelang treu geblieben. Sie haben die Unternehmen mit aufgebaut und mit erfolgreich gemacht. Durch ihren Einsatz und ihr Knowhow ist es möglich, dass Sie als Berater ein beachtliches Honorar mit nach Hause nehmen. Überlegen Sie sich also gut, ob sie alle Arbeit dieser Mitarbeiter als nichtig abtun, weil sie nicht Ihrer eigenen Vorgehensweise entspricht.
Entwickeln Sie nicht die Symptome, die ich gerne als „Berater-Syndrom“ bezeichne: nicht zuhören können, nur selbst reden, Unternehmen nicht verstehen wollen, kein Interesse am Unternehmen haben, nur eine einzige Strategie fahren. Denn diese Symptome übertragen sich von Ihnen direkt auf die Mitarbeiter, die Sie brauchen, um eine erfolgreiche und vor allem langfristige Unternehmensberatung leisten zu können.

Suchen Sie sich im Konzern die nötigen Ressourcen für Ihre Beratung. Dann sichern Sie sich vielleicht auch gleich den nächsten Auftrag. Denn Unternehmensberatung ist nicht nur Krisenberatung, sondern auch sinnvolle und ertragreiche Ergänzung und Abwechslung – wenn sie richtig angegangen wird. Arbeiten Sie gemeinsam mit den Mitarbeitern und besprechen Sie mit ihnen die Vor- und Nachteile der bewährten Arbeitsweise und Ihrer eigenen Strategie.
Verschenken Sie keine vorhandenen Potenziale.

Marina Ahne ist freischaffende Historikerin und berät Unternehmen in allen Fragen rund um die Unternehmensgeschichte, insbesondere History Marketing und Corporate Identity.
Website: history-marketing.org

StartUpLife – das verflixte erste Jahr

Ein Statement vom WIP-Team.

Genau vor einem Jahr hat das Online-Magazin WORK IN PROCESS mit einer großen Launchparty die digitale Bühne betreten. Darum haben wir – das sind Katrin, Elsa und Anja – die Sommerpause genutzt, um das letzte Jahr WORK IN PROCESS Revue passieren zu lassen. Einiges haben wir da geschafft: tolle Menschen portraitiert, eine Jobbörse gelauncht und neue Autoren für uns gewonnen. Von einigen Dingen mussten wir uns allerdings auch verabschieden. Es gibt gute Gründe, warum Veranstaltungen über Fehlerkultur an Beliebtheit gewinnen. Niemand macht gerne Fehler, aber sie passieren trotzdem. Weil man zu viel zu schnell will, weil die Visionen schneller wachsen als der Tag 24 Stunden zum Umsetzen zur Verfügung hat. Wie sagt aber ein schönes Sprichwort? Es gibt keine Fehler, entweder du gewinnst oder du lernst. Wir haben viel gelernt und das Resultat bekommt ihr in ganz authentischer Weise hier.

Drei Gehirne, eine Vision

WORK IN PROCESS ist das Online-Magazin rund um die Arbeitswelt. Arbeit ist ein zentraler Bestandteil des täglichen Lebens. Was immer man sich zur Aufgabe macht, ist Teil der Selbstentfaltung – in der Maslow’schen Bedürfnispyramide die letzte Ebene. Zur Selbstentfaltung gehört Identifikation. Drei Gehirne, eine Vision: die authentische Darstellung heutiger Arbeitsmodelle sowie begleitende Informationen und Sichtweisen dazu. Das Team von WORK IN PROCESS besteht aus drei Frauen unterschiedlichster Richtungen: Katrin aus dem Bereich Journalismus und Musik, Elsa aus dem Bereich Kunst und Kommunikation und Anja aus dem Bereich Wirtschaft. Unsere Standorte sind Berlin und Leipzig; dank des World Wide Web sind wir aber mindestens im ganzen deutschsprachigen Raum zuhause. Alle haben nebenbei Verpflichtungen: als Angestellte, Selbstständige, Schauspielerin, Mutter und zu Guter Letzt immer den eigenen Ansprüchen an Qualität und Integrität in allen Lebenslagen. Nicht nur die Digitalisierung verändert den Arbeitsalltag, sondern auch neu definierte Bedürfnisse im täglichen Leben, gesellschaftliche Umbrüche, persönliche Entwicklungen. Wir möchten mit unserem Magazin einen digitalen Raum schaffen, in dem ihr neues Wissen und Eindrücke sammeln und austauschen könnt.

Ungefiltert und authentisch

Wir bieten mit den Portraits ungefilterte Einblicke in unterschiedlichste Arbeitsalltage von Selbstständigen, Machern mit eigenen Projekten, Angestellten, Kreativen und Künstlern – kurz gesagt: Menschen mit Visionen, die alle ein WORK IN PROCESS sind. Es entstehen so viele neue Berufsfunktionen und damit einhergehenden -bezeichnungen, dass ein fokussierter Blick auf den eigentlichen Inhalt Klarheit verschafft. Unterstützend dazu gibt es allerhand neue digitale Tools, die einem das Arbeiten erleichtern sollen: von Projektmanagementprogrammen bis hin zu diversen Kommunikationstools. Arbeit an sich wird zunehmend von einer Masse an Themen begleitet, die von Interesse sind: Arbeitszeit, Arbeitseinstieg, Umorientierung, Arbeitsinhalte, Einfluss auf die persönlichen Belange – die Liste ist endlos und der Informationsbedarf ebenso. Uns ist es ein tiefes Anliegen, werbefrei und fernab vom fanciness über all das zu berichten.

Sharing is Caring

Eine Frage des Geldes? Ja, die Frage nach dem Monetarisierungsmodell haben wir uns oft gestellt. Ein Online-Magazin ist mit Kosten verbunden. Um die Qualität zu wahren, unsere Fixkosten tragende Jobs zu rocken und euch unsere Texte und Recherchen zur Verfügung zu stellen, könnt Ihr uns bald und zukünftig gerne unterstützen – mittels des Spendenbuttons. Werbung könnten, aber wollen wir nicht schalten, die stört immer so beim konzentrierten Lesen. Zukünftig findet ihr uns auch schneller und besser bei der Google-Suche. Stichwort Fehlerkultur: Das vergleichende Lesen hatte nicht den gewünschten Mehrwert und Einbußen beim SEO-Ranking gekostet, darum verzichten wir nun darauf. Die Seite ist nun übersichtlicher zu lesen, und vergleichen könnt ihr trotzdem, indem ihr ein Portrait nach dem anderen lest. Wir freuen uns über jeden Rank, den unsere Seite bei Google nach oben klettert, genauso wie über neue Gastblogger und Portraitierte und natürlich über euch, die Besucher unserer Seite, egal ob mobil, am Tablet oder PC (außer, wenn ihr diesen verstaubten Internet Explorer nutzt: der spricht leider nicht fließend JavaScript).

Ganz im Sinne von Sharing is Caring ist jede/r LeserIn herzlich eingeladen, unsere Arbeit in dem Maße zu unterstützen, wie er/ sie will und kann: Teilen, Folgen, Liken, Spenden oder Mitmachen als Gastblogger.

Wir freuen uns jedenfalls aufs kommende Jahr mit euch!
Anja, Elsa und Katrin von WORK IN PROCESS

Mindset-Coach Julia Lakaemper: Wie berufliche Neuorientierung gelingen kann

Kann man seine Ziele im Job jederzeit neu definieren? Ist es irgendwann zu spät? Wie finde ich heraus, welcher Weg zu mir passt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Julia Lakaemper beruflich. Sie ist Mindset Coach und hilft ihren Kunden dabei, sich beruflich neu zu orientieren. Dabei spricht sie aus Erfahrung, denn sie selbst hat einen Karrierewechsel durchlebt: Ursprünglich war sie als Beraterin in einer Berliner PR-Agentur tätig. Ein sicheres Einkommen, nette Arbeitskollegen und Erfolg im Job erwiesen sich mit der Zeit nicht als das, wonach sie sich sehnte. Also beschloss sie im Alter von 33 Jahren einen Neuanfang zu wagen. Zunächst reiste sie drei Jahre um die Welt und entschloss sich, danach eine Ausbildung zum zertifizierten Coach zu machen. Wir haben Julia zum Thema berufliche Neuorientierung interviewt und spannende Einsichten gewonnen.

Welchen Hinweis kannst du jedem zur beruflichen Neuorientierung mit auf den Weg geben?
Oha, da gibt es so einige. Zuerst würde ich analysieren, warum der- oder diejenige sich überhaupt beruflich umorientieren will. Vielleicht bist du in der falschen Unternehmenskultur gelandet und fühlst dich dort unwohl oder du wünschst dir einen Job mit mehr Sinn. Andere brauchen einfach mal eine längere Pause oder wollen sich einen flexibleren Lebensstil aufbauen, der besser zu ihren privaten Wünschen passt. Für viele meiner Kunden ist es gar nicht so leicht, alleine herauszufinden, was genau sie wollen – und warum. Die meisten sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht und trauen sich nicht, größer zu denken und mal wild zu träumen. Wir haben alle blinde Flecken, das ist ganz normal. Um die zu identifizieren, fragen viele ihre engsten Freunde und ihre Familie um Rat; das sind aber nicht unbedingt die qualifiziertesten und neutralsten Berater. Andere glauben, dass sie ihr Leben radikal umwerfen und sofort alles anders machen müssen und dann erst gar nicht anfangen, dabei haben kleine, konsequent umgesetzte Veränderungen massive Vorteile. Vor allem würde ich jedem den Tipp geben: Frag dich, wie du deine Tage verbringen würdest, wenn du kein Geld verdienen müsstest. Das funktioniert zum Beispiel ganz einfach mit der 12-Millionen-Frage.

Woran scheitern die Meisten?
Viele machen den Fehler, sich nicht die Zeit zu nehmen, um herauszufinden, wie sie wirklich leben und arbeiten wollen – und vor allem: warum. Das zu wissen ist mehr als die halbe Miete und sorgt dafür, dass du die Weichen für ein zufriedenes Leben langfristig und nachhaltig ausrichtest. Außerdem vergessen viele oft die Persönlichkeitsentwicklung, die neben der fachlichen Ausbildung wichtig ist. Wenn du nicht mit dem richtigen Mindset, mit der passenden Haltung, in größere Veränderungsprozesse einsteigst, können dich die ersten Hürden und Widerstände schnell umwerfen und entmutigen. Du brauchst eine tiefe Kraft und Motivation, die dich durch die eine oder andere Herausforderung oder Krise trägt. Es ist wichtig, eine klare Vision vor Augen zu haben und diese immer wieder der eigenen fachlichen und persönlichen Entwicklung anzupassen. Erstaunlich viele denken lieber daran, einen sicheren Job zu finden und eine Branche zu wählen, in der sie möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Meiner Meinung nach ist der sicherste Job meistens der, der dir Spaß macht und gut zu dir und deinen Talenten passt.

Ab wann kann man den Sprung in die Selbstständigkeit wagen?
Einen perfekten Zeitpunkt gibt es meiner Meinung nach nicht. Meistens ist es der Zeitpunkt, an dem du dich ein bisschen bereit, aber eigentlich noch nicht ganz bereit fühlst. Vorher solltest du dir gut überlegen, mit welcher Positionierung du dich selbstständig machen willst, und auch hier: warum. Was stört dich am angestellt sein? Wie risikobereit bist du: Lähmt es dich, die Miete für den nächsten Monat noch nicht zusammen zu haben oder motiviert es dich, dann erst recht Gas zu geben? Wie wohl fühlst du dich dabei, dich selbst und deine Arbeit zu vermarkten? Ich würde klären, welche Form der Selbstständigkeit du wählen willst, welche Kosten du auf jeden Fall monatlich decken musst und wie du unterschiedliche Einkommensquellen ausfindig machst. Hast du sechs Monate Rücklagen auf dem Konto, die dich finanzieren, falls alles schief geht, ein Netzwerk voller potenzieller Kunden oder bekommst du alternativ einen Gründungszuschuss von der Bundesagentur für Arbeit? Das sind alles wichtige Fragen, die du vor deinem Sprung in die Selbstständigkeit klären solltest. Wenn du gerne an den Wochenenden frei hast, jeden Tag um Punkt 17 Uhr Feierabend machen und mindestens 30 Tage im Jahr im bezahlen Urlaub verbringen willst, ist eine Selbstständigkeit wahrscheinlich eher nichts für dich – vor allem in den ersten Monaten (oder sogar Jahren) heißt es: Ranklotzen.

Kann wirklich jeder jede Idee umsetzen? Rätst du manchen Menschen auch von ihren Ideen ab, wenn du ehrlich nicht daran glaubst?
In meinen Coachings geht es eher noch um die Schritte davor: Um die Motivation, warum jemand sich selbstständig machen will, welche Ideen grundsätzlich infrage kommen, auf Basis der individuellen Interessen, Werte, Talente und Stärken. Eine klassische Existenzgründungsberatung mache ich nicht und bin auch kein “Business Angel“, da würde ich an andere Experten verweisen. Grundsätzlich würde ich sagen: Es kommt nicht nur auf eine gute Idee, sondern vor allem auf die Umsetzung an. Wenn du in der Kreation und im Netzwerken talentiert bist, such dir jemanden als Business-Partner, der in der Strategie und der Umsetzung stark ist.

Sind heutzutage viele Menschen beruflich unglücklich und wenn ja, warum?
Aus meiner Perspektive stimmt der Eindruck schon, ich hab ja sehr viele Kunden, die beruflich unzufrieden sind. Einerseits hat sich die Arbeitswelt stark verändert, andererseits gibt es meines Wissens nach in den Schulen weiterhin wenig Zeit und Unterstützung für die individuelle Berufsfindung. Durch die Globalisierung und die verschulte akademische Ausbildung taumeln dann viele engagiert die Karriereleitern hinauf, ohne genau zu wissen, warum sie das eigentlich machen. Andere unterfordern sich, weil sie sich das, was sie eigentlich machen wollen, nicht zutrauen. Das kann früher oder später zu Frustrationen führen. Andere glauben, dass ein bestimmtes Gehalt oder ein beruflicher Status zur Erfüllung führt. Das stimmt ja auch nur bedingt. Meiner Beobachtung nach hinterfragen viele erst sehr viel später, was sie da die letzten Jahre eigentlich gemacht haben und ob sie so weiterleben wollen. Die “berufliche Selbstfindung”, die durch diese Frustration in Gang gesetzt wird, holen viele in ihren 30ern nach. Sie machen sich dann auf, sich ein selbstbestimmtes Leben aktiv zu gestalten, das besser zu ihnen passt – beruflich wie privat. Die Jahre zuvor sind oft ein wichtiger Umweg und in der Regel keine vertane Zeit. Es gibt immer gute Gründe, warum wir uns dafür entschieden haben.

Ist Erfolg Einstellung oder Glück?
Ich glaube, für Erfolg braucht es eine klare Vision, Risikobereitschaft, Durchhaltevermögen, ein starkes Netzwerk und eine Prise Glück. Vor allem ist es wichtig, dass jeder für sich persönlich definiert, was Erfolg überhaupt bedeutet. Sind das Millionen auf dem Konto? Lieber ein Häuschen auf dem Land oder das dicke Auto vor der Tür? Bist du erfolgreich, sobald dich deine Arbeit erfüllt? In diesem Sinne ist Erfolg für mich Einstellung: Wenn du dein Leben aktiv so gestaltest, wie du es auch wirklich leben willst, bist du in meinen Augen erfolgreich.

Tipp der Redaktion: Julia Lakaemper bietet auch kostenlose Strategiegespräche an, die unter diesem Link gebucht werden können.

Interview: Elsa Loy

Das Geheimnis der Abschreibungen – Warum Ausgaben keine Kosten sind

Kolumne von Thomas Adler

Das Thema Abschreibungen tangiert eine für betriebswirtschaftliche Verhältnisse fast schon philosophische Frage: Was sind eigentlich Kosten? Hierzu zunächst ein kleiner begrifflicher Exkurs: Ausgaben sind der Abgang von Bargeld oder Bankgeld. Aufwendungen sind Ausgaben, die den Gewinn mindern und somit steuerlich absetzbar sind. Kosten sind Ausgaben, völlig egal, wie das Finanzamt dazu steht, da sie ein Begriff aus dem internen Rechnungswesen sind. Und Unkosten gibt es nicht. Das Äquivalent zu Kosten sind Leistungen. Deshalb nennt man die betriebsinterne Gewinnermittlung auch Kosten- und Leistungsrechnung.

Die Frage ist nun: Wenn ich ein Auto im Wert von 10.000 Euro kaufe, wie hoch sind zum Zeitpunkt des Kaufs meine Aufwendungen? Natürlich null. Aus ökonomischer Perspektive bin ich durch den Kauf des PKW nicht einen Cent ärmer geworden: Zwar ging mein Kontostand um 10.000 Euro zurück, dafür hat sich der Wert meines Fuhrparks um 10.000 erhöht. Die Kosten für den PKW entstehen erst im Laufe der Zeit durch dessen Wertverlust. Dieser Wertverlust wird steuerrechtlich durch die sogenannten AfA (Absetzung für Abnutzung), also die Abschreibungen, dargestellt. Weswegen es übrigens auch nicht viel bringt, kurz vor Jahresende noch Geld ohne Ende aus dem Fenster zu schmeißen, um das zu versteuernde Einkommen zu senken. Wer im Dezember beispielsweise einen Laptop für 2.100 Euro kauft, kann bei einer Nutzungsdauer von 36 Monaten für das laufende Kalenderjahr lediglich den Wertverlust eines Monats, nämlich 58,33 € absetzen.

Also, liebe Selbständige, achtet darauf: Jedes Produkt ab einem Bruttowert von 489 Euro muss abgeschrieben, und darf nicht sofort voll abgesetzt werden.

Thomas Adler ist Diplom-Kaufmann, Künstler-Coach und Existenzgründer-Berater in Berlin und hilft seit Jahren dem einen oder anderen Künstler aus der bürokratischen Patsche.

Foto: Freddie Collins / Unsplash

Selbstständigkeit statt Boreout: Change it, love it or leave it

Fühlst du dich in deiner aktuellen Arbeitssituation manchmal unterfordert, gelangweilt oder desinteressiert? Bist du häufig unzufrieden im Job? Dann geht es dir wahrscheinlich wie jedem siebten Angestellten in Deutschland (1). Es könnte sogar sein, dass du an einem „Boreout“ leidest.

Was ist Boreout?
„Boreout“ steht für dieses schleichende Gefühl von Unterforderung, Langeweile und Desinteresse, obwohl du dich ursprünglich einmal total mit deinem Beruf identifiziert hast und auch heute noch nach beruflicher Herausforderung strebst. Doch ist deine Stelle über einen langen Zeitraum für dich eher wenig herausfordernd, schleichen sich gewisse Verhaltensstrategien ein, um bei der Arbeit ausgelastet zu wirken. Denn wer gibt schon gern zu, dass plötzlich er seinen Traumjob todlangweilig findet?

Woran erkenne ich, ob ich an einem Boreout leide?
Von Boreout Betroffene fühlen sich häufiger ausgelaugt und frustriert, weil ihnen der nötige Kick oder Anerkennung fehlen oder weil sie nicht ihr ganzes Leistungspotential ausschöpfen können. So surft man in der Arbeitszeit vor Langeweile heimlich im Internet. Tauchen Kollegen auf, tut man so, als sei man gerade mit einer total wichtigen Sache beschäftigt. Oder man erledigt eine Aufgabe so schnell wie möglich, tut aber so, als würde man Tage dafür brauchen. Oder man nimmt sich zu viel Zeit für Aufgaben, die man früher in viel kürzerer Zeit erledigt hätte. Oder man stöhnt bei Kollegen vor „Überlastung“. Schließlich macht sich in einem das ungute Gefühl breit, man würde mit „angezogener Handbremse“ fahren, obwohl man doch lieber gern auf der „Überholspur“ sein würde.

Wie kann ich als Betroffener aus diesem Teufelskreis ausbrechen?
1. Sei ehrlich mit dir: Beobachte für 2 bis 4 Wochen, wieviel Zeit verbringst du täglich mit Scheinarbeit?
2. Change it. Werde aktiv: Suche das Gespräch mit deinen Vorgesetzten und schildere konstruktiv deine Arbeitssituation. Formuliere Wünsche an deine zukünftige Arbeitsgestaltung. Überlegt gemeinsam, was man an deiner Situation ändern könnte, damit du dich wieder wohler fühlst. Könntest du dich auf eine andere Stelle oder auf ein interessantes Projekt im Unternehmen bewerben oder eine Zusatzausbildung in Angriff nehmen? Bist du zufrieden mit deiner Bezahlung? Welche herausfordernden Ziele könntet Ihr für dich formulieren?
3. Love it. Versuche den Blick auf deine Arbeitssituation zu verändern: Woraus könntest du zusätzliche Befriedigung und Sinnhaftigkeit im Arbeitsalltag ziehen? Wie versüßen dir deine Kollegen den Tag? Wie könntest du im Privatleben für mehr Lebensfreude sorgen? Halte täglich Ausschau nach Dingen, die dich glücklich machen.
4. Leave it. Vielleicht ist es aber auch Zeit, zu gehen: Wenn das jedoch alles nichts nützt und es dir von Woche zu Woche schlechter geht, dein Körper dir beginnt, durch psychosomatische Beschwerden wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Reizbarkeit zu zeigen, dass deine Seele sich nicht mehr wohl in deiner Arbeitsrolle fühlt, solltest du ernsthaft über einen Jobwechsel oder vielleicht sogar über eine Selbstständigkeit nachdenken. Denn stell dir vor, du würdest all die Energie des „Zeittodschlagens“ und des „Herumjammerns“ in dein Herzensprojekt stecken. Wofür hast du gebrannt, bevor du diesen Job angenommen hast? Stell dir vor, du hättest das nötige Startkapital und eine Extraportion Mut, welchen beruflichen Traum würdest du dir gern erfüllen?

Viele Menschen staunen, welche Energie und Schaffenskraft sich plötzlich entlädt, hat man erst einmal die Entscheidung für einen Jobwechsel oder für eine Selbstständigkeit getroffen. Wenn du nach dem Lesen dieses Artikels festgestellt hast, dass du dringend in deinem Berufsleben etwas ändern solltest, kannst du entweder erst einmal ein Karrierecoaching in deiner Nähe in Anspruch nehmen oder einfach mit anderen Selbstständigen in Erfahrungsaustausch treten, um Ideen für die nächsten Schritte zu entwickeln. Der Weg zu mehr beruflicher Erfüllung entsteht dadurch, dass man ihn geht. Gern unterstützen wir dich bei diesem Schritt. Trau dich! Nur Mut! So haben wir alle einmal angefangen.

Anja Schirlitz ist freiberufliche Dipl.-Psychologin und Systemische Therapeutin. Schon seit 2009 berät sie Unternehmen in den Bereichen Personalmanagement, Führungsstrategien und Betrieblichem Gesundheitsmanagement. In Ihrer Privatpraxis begleitet Sie u.a. Klienten, die z. B. auf Grund Ihrer Arbeitssituation psychosomatische Beschwerden entwickelt haben und berät Arbeitnehmer hinsichtlich ihrer ungenutzten Potentiale und Karriereträume.

Quellen:
1) Hall. A. et al. (2007). BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2006 Arbeit und Beruf im Wandel, Erwerb und Verwertung beruflicher Qualifikationen. IN: Bundesinstitut für Berufsbildung

2) Rothlin, P. und Werder, P. R. (2007). Diagnose Boreout. Redline Wirtschaft-Verlag

Warum ich das deutsche Steuersystem liebe

Kolumne von Thomas Adler

Während sich meine Begeisterung für die Bundesrepublik Deutschland in Grenzen hält, liebe ich indes das deutsche Steuersystem. Ja, im Ernst: Im Prinzip ist das deutsche Steuersystem absolut undeutsch. Während in diesem Land so ziemlich alles genormt und reguliert ist, der Rasen vor den Einfamilienhäusern (steuerlich gefördert übrigens) immer hübsch konform geschnitten und rechtwinklig, ist das Steuerrecht ein einziges Abenteuer: tückisch, anarchisch, voll kleinster Gefahren lauernd. Keine Wegweiser, keine Warnschilder, ein Surviving of the fittest… Allein die Tatsache, dass 70 Prozent der Weltliteratur zum Thema Steuern in deutscher Sprache verfasst ist, gibt einen Eindruck davon, welch Wagnis es ist, sich das Elsterformular herunterzuladen und in wagemutiger Absicht zu versuchen, eine Steuererklärung zu erstellen.

Die Fallen
Manch mutiger Geselle ist schon hinter schwedischen Gardinen geendet, weil er sich verfrüht über die Tatsache erfreute, dass man als Selbständiger Werbegeschenke von der Steuer absetzen kann. Dieses fröhliche Präsenteverteilen findet indes ein jähes Ende, sollte man auf die glorreiche Idee kommen, einem guten Kunden ein Geschenk über 35 Euro zu überreichen. Das Delikt: Bestechung bzw. Korruption.

Ebenfalls mit einem Bein im Knast stehen Naivlinge, die glauben, Reisekostenerstattungen und Spesen seien keine Einnahmen. Überhaupt ist es sensationell, was in den Augen des Finanzamtes alles als Einnahmen gilt: Private PKW-Nutzung bei Selbständigkeit: Einnahme, das Gleiche gilt für die private Telefonnutzung; und selbst wenn mich mein Auftraggeber zum Frühstück einlädt, so ist dies ein geldwerter Vorteil, also: Einnahme.

Eine der größten Fallen allerdings ist das Thema Arbeitszimmer. Ein Arbeitszimmer in der Privatwohnung muss zu 100 Prozent geschäftlich genutzt werden. Das Finanzamt überprüft dies mit Hausbesuchen, wobei es aus dem Inventar des Zimmers auf seine Funktion schließt. Bett, TV, Bügelbrett: Keine Chance. Nicht einmal Sex im Arbeitszimmer ist erlaubt, es sei denn, die Partnerin ist deine Angestellte…

Die Ungerechtigkeiten
Wenn euch die Reichen in den Talkshows erzählen, sie würden 45 Prozent Steuern zahlen: Glaubt ihnen kein Wort. Im Moment sieht die Steuertabelle wie folgt aus: Die ersten 8652 Euro sind der steuerfreie Grundfreibetrag. Die ersten 100 Euro, die darüber liegen, werden mit dem Eingangssteuersatz von 14 Prozent belegt. Diesen Steuersatz, der die letzten 100 verdienten Euro betrifft, nennt man Grenzsteuersatz. Er steigt allmählich an, bis er bei einem Jahreseinkommen von 96000 den Spitzensteuersatz von 42 Prozent erreicht. Erst ab 250.000 Euro gibt es dann noch einmal einen Sprung auf 45 Prozent: Den Höchststeuersatz. Dies heißt also nichts anderes, als dass auch jemand mit einem Einkommen über einer Million Euro auf die ersten 8652 Euro keine Steuer zahlt, und dann mit 14 Prozent einsteigt. Der tatsächliche – sozusagen der Durchschnittssteuersatz – des Einkommensmillionärs kann sich somit rein rechnerisch den 45 Prozent nur annähern, sie aber nie erreichen.

Besonders ungerecht ist die Abgeltungssteuer, also die Steuer auf Kapitalerträge. Derzeit zahlen Bürger auf Einkünfte aus Kapitalerträgen eine pauschale Abgeltung von 25 Prozent, Arbeitseinkommen werden deutlich höher besteuert.

Und dann Kinder!
Kinder – im Prinzip eine tolle Sache, in der Praxis dann doch immer wieder unpraktisch in der Handhabung, überraschend kostspielig im Unterhalt. Und steuertechnisch so kompliziert, dass ich dem Thema in Zukunft eine eigene Kolumne widmen werde.

Die Anarchie
Nur wer skrupellos und kaltblütig die Schlupflöcher im Steuerdschungel nutzt, kann sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Moralisten verschaffen. Streu in jede Unterhaltung im Restaurant ein paar Worte aus dem Geschäftsbetrieb ein, und du kannst das Rendezvous mit deiner neusten Flamme als Geschäftsessen absetzen. Deklariere deinen Lieblingswein oder dein Lieblingsparfum als Werbegeschenk, mach deinen Psychotherapeuten zu deinem Coach, vergiss nicht, auch den Schornsteinfeger, den Hausmeister, die Müllabfuhr als Werbungskosten zu deklarieren. Obwohl nur verschreibungspflichtige Medikamente als außergewöhnliche Belastungen anerkannt werden, egal, leg sämtliche Apothekenquittungen in die Steuererklärung: Sollen DIE sich doch die Mühe machen, das Ganze auseinander zu klamüsern. Überhaupt: Müll das Finanzamt mit Belegen zu. Im Kampf gegen die deutsche Bürokratie gibt es nur zwei Möglichkeiten:
1. Sie macht dich verrückt oder
2. Du machst sie verrückt.

Der Wildwuchs
Irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts, Preußen war mal wieder in irgendeinen Krieg verwickelt, wurde zur Finanzierung der Armee die Sektsteuer eingeführt. 1 Taler (oder wie die Währung damals auch immer hieß) pro Flasche Sekt: Eigentlich eine soziale Idee, sollte doch der Adel den von ihm angezettelten Krieg finanzieren. Das Problem aus heutiger Sicht ist nur: Diese so genannte Schaumweinsteuer wurde seitdem nie wieder abgeschafft. Heutzutage zahlt ein jeder für das Massenprodukt Sekt eine Steuer von einem Euro je Flasche. Wurde eine neue Steuer erst einmal eingeführt, wird sie nie wieder abgeschafft. Der Solidaritätszuschlag war einst für maximal fünf Jahre erdacht worden; ich behaupte: Es wird ihn auch in 100 Jahren noch geben.

Alles so herrlich, alles das, was mich glücklich und zugleich manchmal kirre macht: das deutsche Steuersystem. Warum ich es gleichzeitig liebe und doch manchmal daran verzweifle; darüber erfahrt ihr bald mehr. Grüße von der Steuerfront.

Thomas Adler ist Diplom-Kaufmann, Künstler-Coach und Existenzgründer-Berater in Berlin und hilft seit Jahren dem einen oder anderen Künstler aus der bürokratischen Patsche.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

Home-Office ist nicht gleich Hausarbeit

Nein, im Home-Office können wir nicht mal schnell den Müll runterbringen, die Töpfe abwaschen, die Wäsche aufhängen, das Päckchen abholen und Brot einkaufen. Auch können wir nicht jeden Tag das Mittagessen kochen, die Kinder allein versorgen und mit ihnen Hausaufgaben machen. Wären all das unsere Aufgaben, wären wir Hausfrau oder Hausmann – ein respektabler und zeitaufwändiger Allround-Job. Wir haben uns jedoch für eine Vollzeitbeschäftigung als Selbstständige entschieden und haben – so wie ihr – zwei Tageszeiten: Eine berufliche und eine private. In der privaten Phase teilen wir uns gern mit euch die anfallende Hausarbeit, die zu erledigenden Wege und die Zeit mit euch, mit den Kindern, mit den Freunden.

Doch wenn wir arbeiten, benötigen wir – genau wie ihr – Konzentration, unseren eigenen Schreibtisch, Freiräume für Gedanken und Kreativität und einen geregelten Ablauf. Schlimm genug, wenn wir uns selbst von Dingen wie Facebook, Telefonaten oder Kaffeeklatsch ablenken lassen. Aber wenn ihr ständig davon ausgeht, dass wir alle Zeit der Welt haben, die ihr Büroarbeiter nicht habt, dann macht es die Sache nicht einfacher. Deshalb: Bitte respektiert unsere Arbeitszeit als solche und hört auf, in uns den Ersatz für die euch fehlende Zeit zu sehen. Uns fehlt sie nämlich auch.

Autor: Katrin Haase
Foto: Unsplash, Christopher Johnson

Wie man sich als Freiberufler in Tschechien durchschlägt

Typisch Globalisierung: Da fährt man mit dem Rucksack in die Slowakei, schläft drei Nächte auf einer Couch, verknallt sich und bezieht gute acht Monate später eine gemeinsame Wohnung in Prag. Vorher großartig überlegt, wie der Hase auf dem tschechischen Arbeitsmarkt läuft, hat man natürlich nicht. Wie geht das eigentlich als Deutscher in Tschechien? Wie arbeitet man dort als Freier und integriert sich erfolgreich ins dortige Sozialsystem?

Antwort 1: Gar nicht. Man bleibt in Deutschland gemeldet, versichert und steuerpflichtig. Dadurch entstehende Probleme: Jemand muss den Briefträger für einen spielen, und sich ohne Job in Deutschland zu versichern geht eigentlich nur übers Arbeitsamt – oder die Selbständigkeit, und das wiederum heißt: es wird teuer. Zudem musst du dich um diese Dinge kümmern, während du ja eigentlich im Ausland ankommen willst. Meiner Erfahrung nach hält man diesen Split-Screen im Kopf nicht allzu lange aus, daher empfehle ich jedem die folgende Herangehensweise.

Antwort 2: Man meldet in Tschechien einen temporären Wohnsitz an. Als EU-Bürger brauchst du hierfür eine Bestätigung deines Vermieters, ein Passfoto, einen Personalausweis und musst krankenversichert sein. Auch ohne Job und aktuelle Krankenversicherung kannst du als Ausländer in Tschechien eine private Krankenversicherung abschließen, die etwa 40 Euro im Monat kostet (mit einer Mindestlaufzeit von sechs Monaten) und zwar nur Notfallbehandlungen abdeckt, aber dir Zugang in die unterschiedlichen sozialen Systeme gewährt. Denn ohne Versicherung kommst du auch nicht an den Gewerbeschein, den du für die Arbeit und das Rechnungstellen als Freier in Tschechien brauchst.

Richtig rund wird die Sache, wenn du dich als Gewerbetreibender in der tschechischen gesetzlichen Kranken- und Sozialversicherung anmeldest (ja, das geht), dann zahlst du bis zu einem Jahreseinkommen von 20.000 Euro im Monat circa 160 Euro Kranken- und Sozialversicherung und bleibst steuerbefreit. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Steuerfreibetrag bei 8.000 Euro. Kleinunternehmer haben es in Tschechien daher deutlich leichter mit ihren Gewerbeeinnahmen auch über die Runden zu kommen. Ein weiteres Plus deiner Gewerbeanmeldung in Tschechien, die etwa 35 Euro kostet: Du musst dich nicht auf ein zentrales Gewerbe festlegen, sondern kannst bis zu 100 unterschiedliche Tätigkeiten angeben, mit denen du dein Brot verdienen möchtest. Eine tolle Möglichkeit, sich breit und je nach Konjunktur bestimmter Jobangebote aufzustellen und den verschiedenen Fähigkeiten und Interessen, die du für den Arbeitsmarkt mitbringst, nachzugehen.

Als Deutschmuttersprachler kommt man zum Beispiel in der Sommersaison gut an Jobs im Tourismus- und Bildungsbereich, während die zahlreichen deutschen Stiftungen in Prag eher im Frühjahr und Winter aktiv sind und Unterstützung gebrauchen können. Wie erfolgreich du hingegen Geld mit Artikeln oder Reportagen über Tschechien für deutsche Redaktionshäuser verdienen kannst, hängt stark davon ab, wie gut vernetzt du bereits vor deiner Auswanderung nach Tschechien warst. Denn das Land ist klein und das Interesse am Land nicht groß – trotz Prag als beliebtem Reiseziel der Deutschen. Um Texte zu verkaufen, die sich nicht schlagzeilenartig an den bekannten Klischees Prostitution, Chrystal Meth und einem durchgeknallten Präsidenten aufhalten, muss man schon wissen, wo die überschaubare Gruppe der Tschechien- und Osteuropafreunde sich informiert – und dafür auch noch Geld zu zahlen bereit ist.

Ein großer Abnehmer für journalistische Texte aus der Region ist das Netzwerk für Osteuropaberichterstattung, dessen Ziel es ist, vor allem politische und wirtschaftliche Themen in deutschsprachigen Medien unterzubringen. Kulturtexte hingegen schaffen den Sprung über die Grenze eher selten. Resonanzraum für aktuellere Themen bieten zwei stiftungsgeförderte deutschsprachige Wochenzeitungen mit Redaktionssitz in Prag, die Prager Zeitung und die Landeszeitung, die für circa 20 Cent pro Zeile auch Texte von Freien in deren Print- und Online-Ausgaben verarbeiten.

Solange die tschechischen Sprachkenntnisse noch auf Kneipenniveau dümpeln, lässt sich auch mit dem Korrekturlesen tschechisch-deutscher Übersetzungen etwas Geld verdienen, in der Regel für etwa vier Euro pro DIN A4-Seite. Der Notnagel für viele Einwanderer mit akademischer Ausbildung und die häufig profitabelste Einnahmequelle für einen Deutschen in Tschechien ist und bleibt allerdings der Fremdsprachenunterricht, es sei denn man verkauft seine Seele an eines der vielen internationalen Callcenter, die aufgrund der geringen Steuern und Lohnnebenkosten im Land wie Pilze aus dem Boden schießen.

Grundsätzlich verdient man in Tschechien zwar weniger als in Deutschland (in Prag noch am besten), dafür machen aber die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Deutschland nur etwa die Hälfte aus. Und auch wenn die Supermarktpreise in beiden Ländern fast identisch sind: In den meisten Prager Restaurants außerhalb des Stadtzentrums bekommt man in der Regel schon für vier Euro ein warmes Mittagessen auf den Teller. Also eine durchaus bezahlbare Alternative zum Einkauf beim Discounter. Mit 800 Euro im Monat solltest du, auch wenn die Hälfte davon für die Warmmiete deiner 35m² Hauptstadtwohnung draufgeht, bestens zurechtkommen. Falls du statt viel Miete zu zahlen erstmal ins Prager Leben eintauchen willst, gibt’s natürlich auch WG-Zimmer – oder die ein oder andere freie Couch.

Autor und Fotograf: Jörg Kösters

Der Autor ist gebürtiger Westfale und hat sich als studierter Journalist sechs Jahre in Tschechien durchgeschlagen. Seinen inzwischen etwas angestaubten Kultur-Blog findet ihr hier.

Hast du Erfahrung als Freiberufler im Ausland und möchtest darüber schreiben? Dann melde dich bei uns, wir suchen dich! mail@workinprocess.de

Das sagen Experten: Tipps für eine erfolgreiche Selbstständigkeit

Das eigene Unternehmen oder die berufliche Selbstständigkeit zu verwirklichen klingt im ersten Moment sehr attraktiv. Den Meisten ist jedoch nicht bewusst, wie viel Arbeit sich hinter einer erfolgreichen Selbstständigkeit verbirgt. Wer bereits einmal den Versuch gewagt hat, etwas eigenes auf die Beine zu stellen, weiß, wovon hier die Rede ist. Gerade am Anfang kommt es nicht nur auf die richtige Motivation, sondern vor allem auf die passende Strategie, ein zuverlässiges Team und enorm viel Durchhaltevermögen an. Nur selten setzt der Erfolg über Nacht ein. Oft steckt hinter einer erfolgreichen Unternehmung eine langfristige Strategie und viele unbezahlte Stunden an Arbeit. Das soll niemanden abhalten, seine eigenen Ideen umzusetzen, jedoch ist die richtige Vorbereitung und eine realistische Einschätzung der Lage hierfür unerlässlich. Wir haben bei ein paar Experten diesbezüglich genauer nachgefragt und spannende Antworten erhalten.


Sabine Hockling, freie Jounalistin und Bloggerin

Website: diechefin.net

Sabine Hockling, freie Jounalistin und Bloggerin
Sabine Hockling, freie Jounalistin und Bloggerin

„Ich kann jeder gründungsinteressierten Frau raten, durchzuhalten und nicht gleich bei ersten Rückschlägen an der Idee zu zweifeln. Bei uns wurde es zum Beispiel nach fünf Jahren leichter. Wir mussten unsere Leistungen nicht mehr erklären, sondern überzeugten durch die Qualität unserer Formate. Allerdings sollte man sich auch darauf einstellen, dass man viel Zeit und Geld investieren muss. Finanzielle Schwankungen gehören gerade am Anfang dazu – und die muss man auffangen und vor allem auch aushalten können. Und man sollte immer ehrlich zu sich selbst sein und zu seinen Schwächen stehen. Denn nur so entwickelt man sich weiter.“

Tanja Lenke, Business Consultant, Gründercoach und Mentorin
Website: tanjalenke.de

„Der größte Erfolgsfaktor sind wir selbst. Wer das richtige Mindset für die Selbstständigkeit mitbringt, der ist schon erfolgreicher als viele andere. Die Selbstständigkeit ist wie eine Achterbahnfahrt. Es gibt Zeiten, da läuft alles super, aber auch Zeiten, in denen es nicht so gut läuft. Wer sich Ziele setzt, sie konsequent verfolgt, viel testet und optimiert, der wird auch Erfolg haben“


Kevin Pflock, Günder des Online-Magazins Junge Gründer

Website: junge-gruender.de

Kevin Pflock, Günder des Online-Magazins Junge Gründer
Kevin Pflock, Günder des Online-Magazins Junge Gründer

„Solange er dich bezahlen soll, hat der Kunde immer Recht.“ Dieser Satz hat mich in den letzten fünf Jahren meiner Selbstständigkeit sehr geprägt. Egal, ob du ein physisches Produkt, Content auf einer Webseite oder eine Dienstleistung vertreibst: Orientiere dich immer an den Bedürfnissen deiner Kunden und potentiellen Kunden, die ihren Bedarf decken wollen und dein Unternehmen finanzieren sollen. Wie du herausfindest, was deine Kunden wollen? Frage sie direkt und bitte um ihre Meinung. Auch kannst du schauen, wie andere Unternehmen in deiner Branche ihre Produkte oder Dienstleistungen gestalten und wie diese angenommen werden.“

Jana Zieseniß, Mitgründerin von Chapter One Mag
Website: chapteronemag.com

 Jana Zieseniß, Mitgründerin von Chapter One Mag
Jana Zieseniß, Mitgründerin von Chapter One Mag

„Mit der Selbstständigkeit verhält es sich wie mit der neuen Kurzhaarfrisur – haben wir uns erst einmal dafür entschieden, würden wir am liebsten gestern schon auf dem Friseurstuhl sitzen. Doch die meisten Businessmodelle benötigen einfach Zeit, um zu reifen. Nur die wenigsten Menschen verdienen von heute auf morgen mit ihrer Selbstständigkeit so viel Geld, dass sie direkt davon Leben und all ihre Ausgaben decken können. Die ideale Lösung: Nebenbei Gründen. Die Vorteile: Man hat kein/kaum Risiko, da man über das Angestelltenverhältnis weiterhin normal versichert und finanziell versorgt ist. Man kann so ohne Risiko herausfinden, ob die Selbstständigkeit überhaupt etwas für einen ist, ohne hinterher ohne Job dazustehen. Und man kann sich schonmal an das hohe Arbeitspensum gewöhnen, das in der Selbstständigkeit auf einen wartet. Denn wer für eine gewisse Zeit zwei Jobs (also eigenes Business und normaler Job) auf einmal machen kann, der schafft auch später nur die Selbstständigkeit allein. Es gibt also neben der Arbeitsbelastung eigentlich keinen Grund, es mit dem eigenen Business nicht erst einmal nebenbei zu probieren.“

Autor: Elsa Loy
Fotos: Tanja Lenke: Alexander Klebe, privat
Titelbild: Crew/Unsplash