Mehrere Projekte parallel verfolgen oder Fokus auf ein Business-Modell?

Kolumne von Tim Chimoy

Darauf gibt es keine klare Antwort, denn die Entscheidung hängt von vielen Faktoren ab. Jeder hat andere Vorlieben, einen anderen Lebensstil, eine andere Empfindlichkeit, was Stress angeht. Und natürlich auch unterschiedlich ambitionierte Ziele.

In den letzten Jahren habe ich selbst immer wieder mehrere Baustellen parallel aufgerissen. Das liegt zum Einen daran, dass ich gerne neue Dinge ausprobiere. Zum Anderen fülle ich meine Freizeit wieder ruck-zuck mit neuen Projekten, sobald ich zu viel Leerlauf habe – weil mir genau das einfach viel Spaß macht.

Nachteile mehrere Projekte
Ich habe dabei aber auch die negativen Seiten des Jonglierens mit mehreren Projekten kennengelernt. Das größte Problem: Es wird schnell stressig und man hat durch das Springen von Projekt zu Projekt wenig Gelegenheit, im Kopf zur Ruhe zu kommen. Auch die Entscheidung, an welcher Baustelle die Arbeit gerade dringender ist, führt zu einem latent schlechten Gewissen, gerade etwas zu vernachlässigen.

Vorteile ein Projekt
Die Vorteile, sich einem einzigen Businessmodell zu widmen (so wie es in den Zeiten vor „Digital Business“ die Regel war) sind eindeutig. Neben weniger Unruhe („habe ich schon genug getan?“) ist wohl das wichtigste Argument, dass man einen laserscharfen Fokus auf eine Sache richten kann. Man kann zu einem „Profispieler“ in seinem Geschäftsbereich werden. Das ist beim Jonglieren mit mehreren Projekten schwierig. Fokus bietet einem die Chance, richtig zu wachsen.

Vorteile mehrere Projekte
Aber es gibt auch Vorteile für das Betreiben von mehreren Projekten. Man diversifiziert! Nicht nur bei der Geldanlage ist Diversifikation wichtig. Es macht Sinn, mehr als eine Einnahmequelle zu haben. So kommt schließlich weiterhin Geld herein, wenn ein Projekt einmal scheitert. Zudem kann man sich so ausprobieren, diverse Interessen ausleben.

Ich versuche mittlerweile, keine neuen Baustellen aufzureißen. Nicht zuletzt auch um häufiger einmal zur Ruhe zu kommen. Dabei habe ich zwei gut laufende Geschäftsmodelle, auf die ich mich voll fokussiere. Unsere Citizen Circle Community, sowie meine Arbeit als Architekt und Workspace Designer. Diese Dinge bekommen meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie ergänzen sich auch – und passen für mich unter einen Hut.

Und jetzt du! Wie gehst du mit dieser Frage um? Entscheidest du dich bewusst dafür, viele Projekte parallel zu verfolgen? Oder tust du es, aber wünscht dir eigentlich einen klareren Fokus? Vielleicht bist du auch auf ein Geschäftsmodell fokussiert, und kannst bestätigen, wie viel mehr Energie man dadurch aufbringen kann? Ich freue mich über deine Meinung.

Zuerst erschienen als Montagspost von Tim Chimoy vom Citizen Circle, einer Querdenker-Community, die Gründer dabei unterstützt, mit einem digitalen, ortsunabhängigen Businessmodell durchzustarten.

Sommerpause – ab in den Urlaub

Es ist Sommer: Die Sonne brennt und eine warme Brise kitzelt uns auf der Haut. Da heißt es, die Arbeit einmal ruhen zu lassen und Urlaub zu machen. Deswegen werden wir im August keine neuen Portraits veröffentlichen, dafür geht es im September frisch gestärkt weiter. Wir freuen uns schon wieder auf euch! Eure Elsa, Katrin und Anja von WORK IN PROCESS

Wie man sich als Freiberufler in Tschechien durchschlägt

Typisch Globalisierung: Da fährt man mit dem Rucksack in die Slowakei, schläft drei Nächte auf einer Couch, verknallt sich und bezieht gute acht Monate später eine gemeinsame Wohnung in Prag. Vorher großartig überlegt, wie der Hase auf dem tschechischen Arbeitsmarkt läuft, hat man natürlich nicht. Wie geht das eigentlich als Deutscher in Tschechien? Wie arbeitet man dort als Freier und integriert sich erfolgreich ins dortige Sozialsystem?

Antwort 1: Gar nicht. Man bleibt in Deutschland gemeldet, versichert und steuerpflichtig. Dadurch entstehende Probleme: Jemand muss den Briefträger für einen spielen, und sich ohne Job in Deutschland zu versichern geht eigentlich nur übers Arbeitsamt – oder die Selbständigkeit, und das wiederum heißt: es wird teuer. Zudem musst du dich um diese Dinge kümmern, während du ja eigentlich im Ausland ankommen willst. Meiner Erfahrung nach hält man diesen Split-Screen im Kopf nicht allzu lange aus, daher empfehle ich jedem die folgende Herangehensweise.

Antwort 2: Man meldet in Tschechien einen temporären Wohnsitz an. Als EU-Bürger brauchst du hierfür eine Bestätigung deines Vermieters, ein Passfoto, einen Personalausweis und musst krankenversichert sein. Auch ohne Job und aktuelle Krankenversicherung kannst du als Ausländer in Tschechien eine private Krankenversicherung abschließen, die etwa 40 Euro im Monat kostet (mit einer Mindestlaufzeit von sechs Monaten) und zwar nur Notfallbehandlungen abdeckt, aber dir Zugang in die unterschiedlichen sozialen Systeme gewährt. Denn ohne Versicherung kommst du auch nicht an den Gewerbeschein, den du für die Arbeit und das Rechnungstellen als Freier in Tschechien brauchst.

Richtig rund wird die Sache, wenn du dich als Gewerbetreibender in der tschechischen gesetzlichen Kranken- und Sozialversicherung anmeldest (ja, das geht), dann zahlst du bis zu einem Jahreseinkommen von 20.000 Euro im Monat circa 160 Euro Kranken- und Sozialversicherung und bleibst steuerbefreit. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Steuerfreibetrag bei 8.000 Euro. Kleinunternehmer haben es in Tschechien daher deutlich leichter mit ihren Gewerbeeinnahmen auch über die Runden zu kommen. Ein weiteres Plus deiner Gewerbeanmeldung in Tschechien, die etwa 35 Euro kostet: Du musst dich nicht auf ein zentrales Gewerbe festlegen, sondern kannst bis zu 100 unterschiedliche Tätigkeiten angeben, mit denen du dein Brot verdienen möchtest. Eine tolle Möglichkeit, sich breit und je nach Konjunktur bestimmter Jobangebote aufzustellen und den verschiedenen Fähigkeiten und Interessen, die du für den Arbeitsmarkt mitbringst, nachzugehen.

Als Deutschmuttersprachler kommt man zum Beispiel in der Sommersaison gut an Jobs im Tourismus- und Bildungsbereich, während die zahlreichen deutschen Stiftungen in Prag eher im Frühjahr und Winter aktiv sind und Unterstützung gebrauchen können. Wie erfolgreich du hingegen Geld mit Artikeln oder Reportagen über Tschechien für deutsche Redaktionshäuser verdienen kannst, hängt stark davon ab, wie gut vernetzt du bereits vor deiner Auswanderung nach Tschechien warst. Denn das Land ist klein und das Interesse am Land nicht groß – trotz Prag als beliebtem Reiseziel der Deutschen. Um Texte zu verkaufen, die sich nicht schlagzeilenartig an den bekannten Klischees Prostitution, Chrystal Meth und einem durchgeknallten Präsidenten aufhalten, muss man schon wissen, wo die überschaubare Gruppe der Tschechien- und Osteuropafreunde sich informiert – und dafür auch noch Geld zu zahlen bereit ist.

Ein großer Abnehmer für journalistische Texte aus der Region ist das Netzwerk für Osteuropaberichterstattung, dessen Ziel es ist, vor allem politische und wirtschaftliche Themen in deutschsprachigen Medien unterzubringen. Kulturtexte hingegen schaffen den Sprung über die Grenze eher selten. Resonanzraum für aktuellere Themen bieten zwei stiftungsgeförderte deutschsprachige Wochenzeitungen mit Redaktionssitz in Prag, die Prager Zeitung und die Landeszeitung, die für circa 20 Cent pro Zeile auch Texte von Freien in deren Print- und Online-Ausgaben verarbeiten.

Solange die tschechischen Sprachkenntnisse noch auf Kneipenniveau dümpeln, lässt sich auch mit dem Korrekturlesen tschechisch-deutscher Übersetzungen etwas Geld verdienen, in der Regel für etwa vier Euro pro DIN A4-Seite. Der Notnagel für viele Einwanderer mit akademischer Ausbildung und die häufig profitabelste Einnahmequelle für einen Deutschen in Tschechien ist und bleibt allerdings der Fremdsprachenunterricht, es sei denn man verkauft seine Seele an eines der vielen internationalen Callcenter, die aufgrund der geringen Steuern und Lohnnebenkosten im Land wie Pilze aus dem Boden schießen.

Grundsätzlich verdient man in Tschechien zwar weniger als in Deutschland (in Prag noch am besten), dafür machen aber die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Deutschland nur etwa die Hälfte aus. Und auch wenn die Supermarktpreise in beiden Ländern fast identisch sind: In den meisten Prager Restaurants außerhalb des Stadtzentrums bekommt man in der Regel schon für vier Euro ein warmes Mittagessen auf den Teller. Also eine durchaus bezahlbare Alternative zum Einkauf beim Discounter. Mit 800 Euro im Monat solltest du, auch wenn die Hälfte davon für die Warmmiete deiner 35m² Hauptstadtwohnung draufgeht, bestens zurechtkommen. Falls du statt viel Miete zu zahlen erstmal ins Prager Leben eintauchen willst, gibt’s natürlich auch WG-Zimmer – oder die ein oder andere freie Couch.

Autor und Fotograf: Jörg Kösters

Der Autor ist gebürtiger Westfale und hat sich als studierter Journalist sechs Jahre in Tschechien durchgeschlagen. Seinen inzwischen etwas angestaubten Kultur-Blog findet ihr hier.

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