Anna Sharifi

Sängerin und Gründerin von Kiezsprossen e.V.

Berlin

Singen, studieren und noch nebenbei gründen. Eine interessante Mischung, die belebt und inspiriert, so Anna. Wir haben sie bei ihren vielen Beschäftigungen begleitet und einen tollen Eindruck bekommen.
09:30
Anna steht auf und trinkt zum Frühstück meistens einen Kaffee oder einen Tee. Nebenbei checkt sie ihre sozialen Netzwerke, liest die Nachrichten und ihre E-Mails. Danach beginnt sie, ihren Tag zu strukturieren. Dafür macht sie sich eine To-Do-Liste, um nichts zu vergessen.
11:00
Normalerweise beginnt Anna mit dem akademischen Part ihrer Arbeit. Sie erledigt Aufgaben für ihr Studium der Iranistik und Politikwissenschaften und liest Thesenblätter sowie Fachbücher zum Thema, um bestens auf die Vorlesung vorbereitet zu sein.
13:30
Nachdem sie alle Aufgaben für das Studium erledigt hat, isst sie zu Mittag und macht eine kleine Pause.
14:00
Nach dem Essen widmet sich Anna noch einmal der Literatur für ihr Studium. Es kommt vor, dass sich das Studieren und das Komponieren überschneiden: Ideen, die ihr beim Arbeiten kommen, notiert sie sofort, um sie nicht wieder zu vergessen. Kreativität ist nicht planbar.
15:00
Anna in ihrem Studio
Anna in ihrem Studio
Anna ist sich bewusst, dass ein Künstler viel in die Öffentlichkeitsarbeit investieren muss, um wahrgenommen zu werden. Deshalb pflegt sie ihr Netzwerk und arbeitet kontinuierlich an der eigenen Vermarktung als Künstlerin. Sie veröffentlicht ein neues Musikvideo von sich und schreibt E-Mails und ein neues Konzept für die Bewerbung eines Festivals.
17:00
Anna begibt sich in ihr eigenes Studio und fängt an zu singen, komponiert neue Stücke und entwickelt Melodien. Das ist für sie der Teil des Tages, der sie am meisten erfüllt und an dem sie ihrer Kreativität freien Lauf lässt
20:00
Nach dem Abendbrot geht sie einmal in der Woche zum Yoga, um ein wenig zu entspannen und auch, um etwas für ihren Körper zu tun. In dem Yoga-Studio gleich bei ihr um die Ecke tankt sie neue Energie und Kraft, um später noch ein wenig an ihren eigenen Stücken arbeiten zu können.
22:00
Manchmal begibt sich Anna spät abends noch einmal in ihr Studio, um zu produzieren. Jetzt arbeitet sie mit elektronischen Instrumenten und Synthesizern und weniger mit der Stimme. Elektronische Klänge spielen mittlerweile eine wichtige Rolle in ihrer Musik.
23:30
Anna ist für heute fertig und macht ab jetzt nur noch etwas, das nichts mit Musik zu tun hat. Heute zum Beispiel liest sie ein Buch.

Anna Sharifi, Sängerin und Gründerin von Kiezsprossen e.V. aus Berlin



Wer einmal Anna Sharifis Stimme hören konnte, der vergisst sie nicht so schnell wieder. Beeindruckend, warm und kraftvoll ist nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihre ganze Erscheinung. Sie nimmt den Raum ein, in dem sie sich befindet. Anna bezeichnet sich selbst als Singer Songwriter. Ursprünglich studiert sie Jazzgesang in Dänemark. Ihr eigener, individueller Weg fehlt ihr aber dort und so entscheidet sie sich, nach Berlin zu gehen. Eigentlich will sie nur für eine kurze Etappe Halt machen, aber schnell wird ihr klar, dass Berlin wie eine zweite Heimat für sie ist. Hier absolviert sie an der Deutsche Pop Akademie eine Ausbildung zur Tonassistentin, um einen Einblick in die Welt der elektronischen Musik zu bekommen. Zur gleichen Zeit beginnt Anna ein Studium der Iranistik und Politikwissenschaften, da sie einen Ausgleich zu ihrer Musik braucht. Sie sei dann aktiver, als wenn sie sich nur auf die Musik konzentrieren würde, so Anna. Die Abwechslung belebt sie und schafft einen gesunden Ausgleich, der sie fordert. Zudem ist sie auch noch Gründerin von Kiezsprossen, einem kreativen Bildungsprojekt für Berliner Jugendliche von Berliner Künstlern. Wir haben Anna getroffen, um mit ihr über ihre vielen Projekte zu sprechen.


Wie kamst du zu deinem Job?
Als Kind wollte ich lange Anwältin oder Botschafterin werden, obwohl ich schon mit neun Jahren Lieder geschrieben habe und noch früher angefangen habe zu singen. Ich war erst im letzten Gymnasialjahr, als ich nach einer Nacht auf „Christiania“ und unter leichtem Biereinfluss die plötzliche Offenbarung hatte: Ich entschied mich, Sängerin und Komponistin zu werden. Mir wurde bewusst, dass ich nicht darauf warten konnte, „entdeckt“ zu werden, um irgendwo singen zu dürfen, ich musste einfach damit loslegen.

Was inspiriert dich?
Alles! Wenn man richtig hinguckt, kann einem alles Inspiration geben. Etwas, das einen irgendwie emotional berührt und beeinflusst – das Leben, die menschliche Psyche, Beziehungen, die Straße, Politik, Liebe, Verlust, Verlangen nach etwas, ein guter Film, provokante Kunst (oder eben langweilige Kunst, da auch die zum Denken anregt), atemberaubende Schönheit oder Verdorbenheit. Alles, was irgendwie menschlich ist, aber auch das, was es nicht ist – Unsterblichkeit zum Beispiel, sowie unser Streben danach.

Was ist positiv an deinem Job?
Es ist einerseits ein Ventil, um angestaute Aggressionen loszuwerden, verkopfte Dilemmas zu verarbeiten und gefühlsmässig mit mir selbst klar zu kommen. Und andererseits liebe ich es einfach, Musik zu schaffen, Geräusche, Beats, Melodien, nur die Fantasie setzt Grenzen dafür, was man kreieren kann. Es ist fantastisch, bei Konzerten zu sehen oder zu spüren, dass Menschen die Musik, die du selbst gemacht hast, fühlen können und sie verstehen. Dann entsteht irgendwie eine eigenartige Verbundenheit, die ich nur dann erlebe. Diese emotionale Verbindung ist etwas ganz Besonderes für mich, auch wenn es nur zwischen mir und einer einzigen Person geschieht.

Und was negativ?
Geldsorgen und Unsicherheit. Es kann richtig hart sein, wenn man Blut und Schweiß in ein Projekt reingesteckt hat und nichts zurückkommt, außer ein paar Facebook-Likes und drei Downloads, dann fängt oft ein eher destruktiver Selbstzweifel an. Ich halte mich zwar für eine gute Musikerin, aber ich bin keine geborene Marketing-Fachfrau, es fällt mir nicht immer leicht, mich selbst als Produkt zu verkaufen und ich bewundere immer diejenigen, die das gut können. Am liebsten würde ich nur die kreativen Aspekte des Künstlerdaseins leben, aber dass ist natürlich ein naives Wunschbild, insbesondere wenn du noch am Anfang stehst. Außerdem ist es selbst oder gerade in Berlin als No-Namer sehr schwierig ordentlich bezahlte Gigs zu bekommen.

Würdest du den Job weiterempfehlen?
Wenn man, wie ich, nicht ohne Musik kann, dann ja! Ich bin selbst Perioden durchlaufen, in denen ich, wegen Uni oder anderen Jobs, keine oder nur wenig Musik gemacht habe. Innerhalb kürzester Zeit wurde ich infolgedessen sehr unausgeglichen und depressiv. Ich habe mich selbst in meiner gewohnten Umgebung nicht mehr wohl gefühlt. Für mich wiegen die positiven Seiten des Musikerlebens mehr auf als die Negativen. Sollte es jemandem genauso gehen, kann ich nur empfehlen, die persönliche Ausgeglichenheit über Geld und Sicherheit zu setzen.

Was sind deine drei wichtigen Worktools?
Mein E-Piano, mein Rechner und meine Stimme.
Anna Sharifi - You owe me
Was rätst du Neueinsteigern?
Sich nicht jede Kritik zur Herz nehmen, nur die Aspekte, die für deine eigene Weiterentwicklung nützlich sind. Bleib deinem eigenen Sound treu – es gibt genug „copy cats“ da draußen. Sorg dafür, nicht den Spaß an der Musik zu verlieren. Ich hatte selbst ein „goldenes“ Projekt und eine Band aufgeben müssen, weil die Luft einfach raus war und wir zu verkrampft waren, um es zu retten.

Wie schätzt du die Zukunft deines Berufsfeldes ein?
Ich glaube, Musik wird die Menschen immer berühren und deswegen auch immer da sein.

Was möchtest du noch erreichen?
Ganz viel! Ich möchte von einem größeren Publikum gehört werden. Ich will mehr Konzerte geben, ich will auf Tour gehen, das Radio anmachen und meine eigenen Lieder hören. Und ich möchte mit dem dänischen Gruppe „Suspekt“ ein Lied singen. In spätestens zehn Jahren hoffe ich, auch für andere Künstler schreiben zu dürfen oder beispielsweise Songs für Filmsoundtracks zu komponieren. Wenn ich irgendwann komplett von meiner Musik leben kann, dann wäre ich beruflich erfüllt.

Welchen Ausgleich gönnst du dir?
Salty-Caramel-Schokolade von Lindt, Netflix und Yoga zum Runterkommen, wenn ich gestresst und überfordert bin. Eine gediegene Techno-Nacht in einem der vielen tollen Berliner Clubs kann auch Wunder bewirken!

 

Interview und Fotos: Elsa Loy

Titelfoto: Tobias Nikolajew

Steckbrief

  1. Alter: 28
  2. Wohnort: Berlin
  3. Beruf: Sängerin und Gründerin von Kiezsprossen e.V.
  4. Branche: Kreativ
  5. Anzahl an Arbeitstagen: 5
  6. Arbeitsstunden pro Tag: 5
  7. Status: Selbstständig, Student
Kontakt

Mail: sharifien@gmail.com
Website: annasharifi.com
Soundcloud: soundcloud.com/annasharifi



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