Dominik Streicher

Der Tonmeister Dominik Streicher

Tonmeister bei Rondeau Production

Leipzig

Die Partitur klingen zu lassen ist sein Ziel, der falsche Ton sein Gegner. Dominik Streicher hat sich als Tonmeister ganz der Musik verschrieben. Im Musikbusiness gilt diese Profession als eine der schwersten: Sowohl ein tiefgründiges Verständnis von Technik als auch außergewöhnliche Musikalität sind vonnöten, um dem Musiker zu einer perfekten Tonaufnahme zu verhelfen. Wir waren bei einem Studiotag im Label Rondeau Production dabei.
08:45
Dominik Streicher schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt vom Leipziger Westen zur Innenstadt, wo sich das Büro des Labels befindet.
09:00
Mit dem Fahrrad, dass er lieber im Abstellraum als auf der Straße lässt, betritt er das Büro und wird mit einem herzlichen „Guten Morgen“ von seinem Kollegen Heiko Hendrich an der Rezeption empfangen. Im Studio, Dominiks Arbeitsplatz, schaltet der Tonmeister den Standrechner an und lädt im Programm Sequoia das aktuelle Projekt mit dem Kammerchor I Vocalisti. Vor vier Wochen hatte Dominik mit dem Vokalensemble in Hannover den zweiten Teil der CD aufgenommen. Dabei werden die Werke mehrfach eingesungen. Die so entstandenen verschiedenen Takes hatte Dominik dabei nummeriert und auf der Partitur mit Bleistift bewertet. Heute wird der Leiter des Ensembles, Hans-Joachim Lustig ins Studio kommen. Gemeinsam wollen sie die besten Takes heraussuchen und den finalen Schnitt der Aufnahmen festlegen. Auf den Termin bereitet sich Dominik vor, indem er die zu diskutierenden Stellen in der Spur mit einem Marker versieht und Alternativtakes heraussucht.
Dominik und Heiko
Dominik und Heiko

10:00
Das Firmenauto ist noch mit der Technik der letzten Aufnahmesession vollgepackt. Dominik und Heiko entladen gemeinsam das Auto und beladen es wieder mit der Technik, die für die morgige Aufnahme mit dem Ensemble Vocappella in Limburg benötigt wird. Dafür beladen Sie den Rollwagen und fahren die Technik im Aufzug rauf und runter. Zwischendurch führt Dominik ein Telefonat mit einem Künstlermanager, in dem Fragen zur kommenden Aufnahme geklärt werden.
Dominik und Heiko räumen Technik ins Auto
Dominik und Heiko räumen Technik ins Auto
11:00
Hans-Joachim Lustig kommt pünktlich elf Uhr im Studio an. Nach einem kurzen Gespräch beginnen beide mit frischem Kaffe gewappnet das Abhören und Editieren des Schnitts. Schritt für Schritt hören sie für die kritischen Passagen jeden Take mehrfach durch und entscheiden gemeinsam den besten. Mal hören sie mit Kopfhörern, um Details besser wahrzunehmen, mal nutzen sie lieber die Lautsprecher im Studio, um so den Gesamtklang einzuschätzen. Heute wird das dritte Mal an der Aufnahme geschnitten und eine finale Version festgelegt.
Dominik und Hans-Joachim Lustig im Tonstudio
Dominik und Hans-Joachim Lustig im Tonstudio

13:45
Teres Feiertag, die bei Rondeau Production für die Bookletredaktion verantwortlich ist, bittet Dominik um eine Abhörkopie für ein anderes CD-Projekt. Sie möchte die CD hören, um die Liedtexte im Booklet auf Richtigkeit zu prüfen. Dominik brennt ihr deshalb zwischendurch schnell die Abhörkopie.
Dominik brennt eine Abhörkopie
Dominik brennt eine Abhörkopie
14:00
Mittagspause! Die verbringt der Tonmeister natürlich gemeinsam mit dem Künstler. Der Labelinhaber Frank Hallmann lädt die beiden ins Restaurant Johann S. an der Thomaskirche ein. Beim Essen sprechen sie über das gemeinsame CD-Projekt. „In so einer gelösten Atmosphäre werden manchmal die wichtigsten Entscheidungen getroffen“, verrät der Tonmeister.
Dominik beim Mittagessen
Dominik beim Mittagessen
15:00
Nach dem Essen geht es weiter wie bisher: Dominik Streicher und Hans-Joachim Lustig gehen im Studio Take für Take durch, mal mit Kopfhörern, mal ohne, und entscheiden gemeinsam einen finalen Schnitt. Pausen gönnen Sie sich dabei kaum.
Dominik und Hans-Joachim Lustig beim Schnitt
Dominik und Hans-Joachim Lustig beim Schnitt
19:00
Der Schnitt ist beendet und Herr Lustig zufrieden mit dem Endergebnis. Dominik begleitet ihn zur Tür und schaut nach einem herzlichen Abschied erstmals seine einkommenden E-Mails an. Er ist als einziger fest angestellter Tonmeister des Labels auch dafür verantwortlich, die Projekte der freien Tonmeister mit zu organisieren. Es gilt, die Termine zu verwalten, die Räume zu reservieren und Fragen der Tonmeister und Künstler zu beantworten.
Dominik am Telefon
Dominik am Telefon
19:15
Dominik bereitet den morgigen Aufnahmetag vor. Er legt sich die Noten bereit, liest sich ins Programm ein und macht erste Notizen.
Dominik im Tonstudio
Dominik im Tonstudio
20:30
Endlich Feierabend. Mit dem befreundeten Kollegen Ruprecht Langer gönnt sich Dominik einen Abstecher in eine Bar, wo beide Abendessen, bevor sie mit dem Fahrrad den Heimweg antreten.

Dominik Streicher, Tonmeister bei Rondeau Production aus Leipzig



Wer Tonmeister werden will, hat einige Hürden zu überwinden: Im deutschsprachigen Raum bieten diesen Studiengang nur vier Städte an: Berlin, Detmold, Wien und Zürich. Überall sind deftige, mehrtägige Aufnahmeprüfungen zu bestehen, bei der man seine theoretischen Kenntnisse und praktischen Kenntnisse unter Beweis stellen muss. Das alles schreckte Dominik Streicher nicht ab. Immerhin spielte er schon in seiner Jugend Orgel und Gitarre und interessierte sich für alles um Naturwisschenschaft und speziell für hörakustische Phänomene. Daher stand bei ihm der Berufswunsch schon relativ früh fest. Genaueres verrät er im Interview.

Wie kamst du zu deinem Job?
Als Elfjähriger habe ich bei einem Schülerpraktikum in Detmold eine Aufnahme miterlebt und wusste dann, dass ich auch Tonmeister werden wollte. Meine Jobs als Schüler habe ich mir dann auch schon so ausgewählt, dass ich Kreativität und Technik verbinden konnte, nebenbei habe ich selbst sehr viel Musik und die Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker (C-Examen) gemacht. In Detmold habe ich die Aufnahmeprüfung für das Studium bestanden und dort von 2008 bis 2016 Tonmeisterei studiert, aber seit 2014 war ich bereits bei meinem derzeitigen Arbeitgeber Rondeau Production angestellt. Das ging alles viel einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte – da war viel Glück im Spiel.

Was inspiriert dich?
Die Kontakte zu Künstlern und die Arbeit mit Musik inspirieren mich. Es ist eine große Herausforderung, immer wieder mit neuen Zugängen zur Musik konfrontiert zu werden, diese zu verstehen und sie umzusetzen. Auch die Arbeit mit anderen Tonmeistern ist sehr inspirierend. Man kann in der Diskussion über Herangehensweisen viel lernen. Leider kommt das viel zu selten vor.

Was ist positiv an deinem Job?
Mir gefällt die Abwechslung zwischen der Entdeckungsreise und der Post-Produktion. Es ist eine kreative Tätigkeit, denn man ist als Tonmeister ein essenzieller Teil des kreativen Prozesses. Meistens arbeitet man dabei mit Menschen zusammen, die etwas aus Überzeugung tun – das ist sehr ansteckend.

Und was negativ?
Kunst lässt sich finanziell schwierig rechtfertigen. Man kann sie nicht objektiv bewerten. Daher geht es leider viel zu oft darum, wie man die Kunst verkaufen kann. Ein anderer negativer Aspekt ist, dass man während der Aufnahme quasi keine Privatsphäre mehr hat – man gehört voll und ganz der Aufnahme, das kann sich über mehrere Tage hinweg bis tief in die Nacht hinziehen.

Würdest du den Job weiterempfehlen?
Das Studium und die Tätigkeit kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen. Jedoch sollte man vorher wissen, dass nur circa ein Drittel der Absolventen tatsächlich als klassischer Tonmeister arbeiten wird: Es gibt immer weniger Stellen für klassische Tonmeister. Deshalb empfehle ich es nur mir der Einschränkung, sich ein weiteres Standbein aufzubauen und für andere Einsatzmöglichkeiten offen zu bleiben.

Was sind deine drei wichtigsten Worktools?
Die Partitur, mein Gehör und das Aufnahmeequipment.

Was rätst du Neueinsteigern?
Habt keine Scheu, mit den Besten des Fachs in Kontakt zu treten und euch zu bewerben. Macht viele Praktika und schon während des Studiums viele Aufnahmen mit Musikstudenten.

Wie schätzt du die Zukunft deines Berufsfeldes ein?
Dem Musikgeschäft an sich mangelt es an Innovationen. Einem traditionellen CD-Label räume ich deshalb wenig Zukunftschancen ein. Aufnahmen wird es jedoch immer weiter geben, aber das immer günstiger und besser werdende Home-Equipment macht das Rechtfertigen schwierig. Die Notwendigkeit eines künstlerischen Übersetzers zwischen Technik und Kunst wird es immer geben, daher ist der Grundgedanke des Tonmeisters immernoch aktuell.

Was möchtest du noch erreichen?
Derzeit bin ich auf der Suche nach einem neuen Ziel. Es gibt so viele spannende Bereiche. Ich könnte dazu beitragen, die Musikindustrie innovativer zu gestalten oder mich selbst in eine ganz andere Richtung bewegen. Derzeit lerne ich Chinesisch, da habe ich noch Einiges vor mir.

Welchen Ausgleich gönnst du dir?
Ich spiele gerne Go, koche mit Freunden oder spiele Gitarre in einer wunderbaren Wohnzimmerband. Manchmal mache ich auch Live-Elektronik bei Konzertprojekten.

Interview und Fotografie: Katrin Haase

Steckbrief

  1. Alter: 27
  2. Wohnort: Leipzig
  3. Beruf: Tonmeister bei Rondeau Production
  4. Branche: Kreativ, Technik
  5. Anzahl an Arbeitstagen: 5
  6. Arbeitsstunden pro Tag: 10,5
  7. Pausen pro Tag: 1
  8. Status: Angestellter
Kontakt

Mail: dominik.streicher (at) tonmeister.de



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