Javier Pérez-Lanzac

Der Architekt Javier Pérez-Lanzac

Architekt im Ingenieurbüro Schilling

Leipzig

Die Verbindung von Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft und Technik – das reizt den spanischen Architekten an seinem Fach. Wir haben ihn einen Tag lang beim Zeichnen, Messen und Planen begleitet.
07:45
Javier Pérez-Lanzac macht sich mit dem Fahrrad auf den Weg zum Büro. Dass es sich gleich um die Ecke befindet, weiß er sehr zu schätzen.
Javier fährt mit dem Fahrrad ins Büro
Javier fährt mit dem Fahrrad ins Büro
08:00
Im Büro angekommen, schaut er zuerst die neu eingegangenen E-Mails an und wirft einen Blick auf die von ihm selbst am Vortag verfasste Notiz, die mit „Guten Tag“ beginnt und mit „Viel Spaß“ endet. Dort sind schon einige wichtige Punkte, die am heutigen Tag anstehen, festgehalten. Mit seinem Notizheft in der Hand, macht er seine „Guten Morgen-Runde“, begrüßt die Kollegen und bespricht dabei schon kurz den Status seiner Projekte. Dafür muss er eine Etage höher gehen, denn die meisten seiner Kollegen arbeiten im zweiten Stock des Wohnhauses.
Javier geht ins Büro
Javier geht ins Büro
08:15
Javier setzt sich auf seinen Stuhl – eine ergonomische Mischung aus Architektenhocker und Bürosessel – und organisiert die neuen Informationen, die er soeben erhalten hat, schreibt E-Mails und bespricht sich telefonisch mit dem Team. Er organisiert seine nächsten Schritte, indem er alle Punkte auflistet und daneben ein rotes Quadrat malt. Ein Haken bedeutet erledigt, ein X löscht den Punkt und ein leeres Feld muss noch angepackt werden.
Die To-Do-Liste des Architekten
Die To-Do-Liste des Architekten
08:30
Javier beginnt, ein Leistungsverzeichnis zu bearbeiten. Dabei listet er Punkt für Punkt auf, welche Gegenstände, Materialien und Leistungen in dem Gebäude enthalten sein müssen, für das er verantwortlich ist. Das Projektmanagement-Programm Heitker AVA hilft ihm dabei.

10:30
Nun fährt er mit einem schwarzen Firmenauto mit Feuer an den Türen zur Baustelle – mehr als offensichtlich, dass es sich um eine Brandschutzfirma handelt. Ein Klinikum wird umgebaut und Javier muss als Bauleiter nachsehen, ob die Baufirma alles nach Plan umsetzt und ob der Umbau reibungslos verläuft.
Dass es um Brandschutz geht, ist nicht zu übersehen
Dass es um Brandschutz geht, ist nicht zu übersehen
10:45
Dort angekommen, spricht er mit den Fachmännern des Bauunternehmens und mit den Mitarbeitern, beantwortet Fragen zu Themen, die noch offen sind und durch die Baumaßnahme neu aufkamen. Javier dokumentiert den Zustand der Dinge, macht Fotos von jeder Veränderung, nimmt Notizen und hakt die roten Quadrate auf seiner Liste ab.
Auf der Baustelle liest er sich in den Bauplan ein
Auf der Baustelle liest er sich in den Bauplan ein
Nach einer Stunde fährt er zurück zum Büro. Das künstlich erzeugte leise Surren des Elektroautos mag er besonders: „Das klingt wie in einem Raumschiff“, freut er sich mit strahlenden Augen.
Im Auto checkt Javier noch einmal die Maße
Im Auto checkt Javier noch einmal die Maße
12:00
Es ist an der Zeit für die Mittagspause. Manche seiner Kollegen haben Essen bestellt und sitzen gemeinsam im Besprechungsraum.
Das Team isst gemeinsam
Das Team isst gemeinsam
Javier hat sich etwas von zu Hause mitgebracht: Spirelli mit Tomatensoße. Im Besprechungsraum essen die Kollegen gemeinsam, quatschen und lachen oft. Jede Woche hat einer von ihnen Tischdienst. Derjenige muss nach dem Essen typisch deutschen Kaffee für alle kochen und eingießen – für einen Spanier viel zu dünne Plörre, wie er lachend gesteht.
Javier genießt seine Pasta im Kreis der Kollegen
Javier genießt seine Pasta im Kreis der Kollegen
Die Tische werden abgeräumt und die Spülmaschine gefüllt. Weiter geht es mit der Arbeit. Davor kocht sich Javier noch einen „echten“ Kaffee.
13:00
Javier checkt seine Notizen erneut und bringt sie auf den aktuellen Stand. Er hat ein Logbuch für jedes Projekt und einen Ordner für den gesamten Tag, in dem die schnellen Notizen des Tages vor dem Feierabend abgeheftet werden. Das hilft ihm, den Überblick zu behalten.
Javier und Ellen
Javier und Ellen
Dann geht Javier ins Büro seiner Kollegen Ellen und Andreas und bespricht das aktuelle Projekt. Auf dem Weg geht er immer am Sekretariat vorbei und schnappt sich ein Gummibärchen.
14:00
Javier korrigiert einen Plan und bearbeitet Zeichnungen. Diesmal handelt es sich um eine Asylunterkunft, die wie jedes soziale Projekt ein sehr begrenztes Budget hat und deswegen kontinuierlich auf Effizienz geprüft werden muss. Dabei passt er jede kleine Änderung in der Zeichnung und im Leistungsverzeichnis an.
Javier am Schreibtisch
Javier am Schreibtisch
16:00
Sein Kollege Robert kommt in Javiers Büro und bespricht mit ihm ein gemeinsames Projekt, den Ausbau eines Klinikums, während einer Raucherpause auf dem Balkon.
17:30
Javier geht wieder eine Etage hinauf zum Büro von Ellen und schaut, welche Punkte des Tages noch zu erledigen sind. Fehlt noch etwas, wird es notiert und bestenfalls gleich erledigt. Nach dem Besuch auf der Baustelle am Vormittag und nach dem Balkongespräch mit Robert protokolliert Javier nun den aktuellen Stand, passt die Zeichnung im CAD an und überprüft, ob das Leistungsverzeichnis eingehalten worden ist.
Javier am Computer
Javier am Computer
18:30
Nun ist es Zeit für den Feierabend. Javier fährt mit dem Rad zurück in die Wohnung und verbringt den Rest des Abends mit dem Schreiben von Artikeln auf Spanisch, Englisch und Deutsch für seinen Blog Latentamt, bis seine Freundin Zeit mit ihm einfordert.

Javier Pérez-Lanzac, Architekt im Ingenieurbüro Schilling aus Leipzig



Der spanische Architekt Javier Pérez-Lanzac sorgt für das, was uns umgibt, uns beherbergt, uns schützt: Gebäude. Seien es Wohnhäuser, Fabriken, Sportanlagen oder Gesundheitszentren. Schon früh zeigte sich sein Talent fürs Zeichnen, später kam großes Interesse an Literatur, Soziologie, Physik und Mathematik hinzu. Als die beste Kombination dieser Interessen definierte er für sich die Architektur. Damals galt diese Profession noch als Garant für finanzielle Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung. Mit der Immobilien- und Wirtschaftskrise blieb zwar der gute Ruf, doch die Jobs blieben aus. Javier probierte es wie viele andere seiner Generation im Ausland und baute sich in Deutschland nach einem schweren Start eine berufliche Zukunft auf. Trotzdem vermisst er seine Heimat Tag für Tag, doch eine Zukunft als Architekt in Spanien ist nach wie vor in weiter Ferne. Genau das bedeutete es für ihn, Migrant zu sein: „Migrant wird man nicht, wenn man sein Land verlässt, sondern wenn man versteht, dass das Zurückkehren nicht einfach ist.“

Wie kamst du zu deinem Job?
Ich habe mich 1998 für das Architekturstudium in Granada entschieden, weil ich Geisteswissenschaft, Physik und Mathematik kombinieren wollte. In der Architektur habe ich die beste Kombination dieser Bereiche gefunden. Gleich nach dem Studium habe ich als falscher Freiberufler – leider eine gängige Arbeitsform bei spanischen Architekten – bei HCP Architecture & Engineering gearbeitet und nebenbei frei alte Gebäude saniert. 2007 war die Immobilienblase auf ihrem Höhepunkt, blinder Optimismus war überall verbreitet. Mit der Finanzkrise explodierte die Blase, die Arbeitslosigkeit der Architekten und des Bausektors begann. Wegen der Immobilien- und Finanzkrise in Spanien wurden die Konditionen immer schlechter und ich entschloss mich, es in Deutschland zu probieren. Das war eine interessante Erfahrung und eine schwere Zeit, denn ohne Sprachkenntnisse war es anfangs unmöglich, als Architekt zu arbeiten. Während ich die Sprache gelernt habe, bildete ich mich im Fernstudium weiter und machte unzählige kleine, andere Jobs. Doch dann fand ich eine Stelle bei einem Architekten in Glienicke-Nordbahn. Als er in Rente ging, entschied ich mich, zu meiner Partnerin nach Leipzig zu ziehen und bin nun im Ingenieurbüro Schilling angestellt – ein echter Glücksgriff.

Was inspiriert dich?
In der Architektur gibt es kreative und weniger kreative Bereiche. In jedem Fall ist es sehr inspirierend, ein würdevolles Projekt zu realisieren.

Was ist positiv an deinem Job?
Viele Sachen. Zum Beispiel die kreative Seite, und damit meine ich nicht künstlerische Kreativität, sondern die Fähigkeit, agil und konstruktiv Lösungen zu finden. Das fordert mich immer wieder heraus. Der Kopf bleibt frisch und hat Spaß. Ein Architekt spielt mit einem ganzen Orchester, das sind die verschiedenen Charaktere und Rollen, die an einem Projekt teilnehmen. Der Kontakt zu den Menschen macht mir Spaß.

Und was negativ?
Dass diese „Musiker“ ihre Instrumente gut spielen, sich aber nicht immer um die Musik scheren. Das ist die Spannung zwischen dem Architekten und den Ingenieuren. Ein guter Architekt muss beide Welten verstehen.
Wir arbeiten viel. Wenn man andere Dimensionen von sich selbst entwickeln will – Familie, Projekte, Hobbys – dann lässt die Architektur für diese anderen Dinge fast keine Zeit. Ich bin beispielsweise auch Autor und Kurator. Der Lohn ist wichtig, aber das Leben ist Zeit. Und Zeit ist nicht käuflich.

Würdest du den Job weiterempfehlen?
Es ist ein wunderschönes Studium, doch die Universität hat uns überidealisiert und uns als Künstler großer Objekte ausgebildet. Die Realität ist, dass nur sehr wenige Architekten wirklich Geist, Kunst und Technik im Berufsleben verbinden können.
Mit der Krise habe ich erlebt, dass die Architektur zu sehr von Investitionen abhängig ist. Banken werden gerettet, Architekten nicht. Wegen dieser Marktabhängigkeit haben die Architekten ihren eigenen Beruf entwertet. Das macht es schwer für junge Architekten.

Was sind deine drei wichtigen Worktools?
Papier und Bleistift, einen sehr guten Rechner mit CAD und Sinn für Harmonie. Aber ein schwarzes Auto mit Feuer an den Türen ist auch nicht so schlecht.

Was rätst du Neueinsteigern?
Bringt Teamgeist und Liebe für diese würdevolle Arbeit mit und genießt es, denn es kostet viel Zeit. Hört nie auf, mit der Hand zu zeichnen, denn das ist eure körperlich-existenzielle Verbindung mit euren Ideen. Verkauft euch nicht zu billig, erlaubt euch, nein zu schlechten Verträgen zu sagen. Versucht, in allen Dimensionen die Welt zu verbessern.

Wie schätzt du die Zukunft deines Berufsfeldes ein?
Große Büros nehmen viel mehr Aufträge an als die kleinen. Es ist sehr schwer, als kleines Atelier zu überleben. Die großen Konzerne phagozytieren die kleineren Büros und ihre Aufträge. Wohnhäuser sind heute eher ein Handelsgut als ein individueller Wunsch. Diese Haltung verändert das Endprodukt. Wie bei der ökonomischen Dystopie Cyberpunk gehört die Zukunft den großen Konzernen, der Fundamentalismus des Wachstum ohne Grenzen. Deren Folgen haben wir in der spanischen Immobilienkrise erlebt…
Ich hoffe, dass die Architektur wenigstens technisch immer grüner wird.

Was möchtest du noch erreichen?
Eigentlich wollte ich immer meine eigene Firma haben, aber die Krise hat die Geschichte anders geschrieben. Wir schreiben aber noch weiter. Ich möchte einfach weiter gut arbeiten und dabei eine Möglichkeit finden, mehr Zeit für meine anderen Projekte und meine Familie und Freunde zu haben – die sogenannte Work-Life-Balance, die die neue Generation endlich einfordert.

Welchen Ausgleich gönnst du dir?
Ich widme mich meiner anderen Berufung als Autor und meinen Kunstprojekten. Ansonsten gönne ich mir Bücher, Kino, Surfen und ganz klar Zeit mit den Menschen verbringen, die ich liebe.

Interview und Fotos: Katrin Haase

Steckbrief

  1. Alter: 38
  2. Wohnort: Leipzig
  3. Beruf: Architekt im Ingenieurbüro Schilling
  4. Branche: Kreativ, Technik
  5. Anzahl an Arbeitstagen: 5
  6. Arbeitsstunden pro Tag: 9,5
  7. Pausen pro Tag: 1
  8. Status: Angestellter
Kontakt

Homepage: javierperezlanzac.com
Website Arbeitgeber: brandschutz-le.de
Blog: oficinadelatentes.com



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