Waltraud und Josef Wibmer

Portrait Hoanza Alm

Landwirte mit Almwirtschaft und Ferienwohnung

Matrei, Osttirol/Österreich

Um auf die Hoanza Alm zu Waltraud und Seppl Wibmer im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern zu kommen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man überwindet die 400 Höhenmeter vom Parkplatz am Hof der Familie aus zu Fuß und wandert über grüne Wiesen und durch Wälder den Berg hinauf. Oder man besteigt die kleine, private Seilbahn, die aussieht wie aus dem vorigen Jahrhundert – wenn man schwindelfrei ist. Nach sechzig Minuten Aufstieg oder fünfzehn Minuten Fahrt erreicht man die saftigen Wiesen der Bilderbuch-Alm. Ziegen kommen von den steil ansteigenden grünen Almen heruntergebimmelt und freuen sich ihres Lebens in einem fantastischen Alpenpanorama. Genauso wie die glücklichen Kühe mit den springenden Kälbchen und die gemütlichen Schafe, die gerne auch mal ganz in den Bergen verschwinden. Vollends in einer Zauberwelt wähnt man sich aber dann, wenn man mit einer Tasse Kaffee am Frühstückstisch sitzt und auf einmal aus dem Wäldchen am Berg zwei kleine, grasende Einhörner spazieren, ein braunes und ein geschecktes. Oder sind das doch nur die Ponys Willi und Bonnie? Na ja, es gibt ja auch Pfauen, da wundert einen nichts mehr. Die Frühstückseier kommen natürlich von den Hühnern, die direkt neben der Hütte im Sand scharren. Und nicht nur Kinderherzen freuen sich, wenn sie sich aus dem niedrigen Stall neben der Almwirtschaft ein Babykaninchen zum Kuscheln nehmen dürfen. In dieser Idylle leben und arbeiten Waltraud und Seppl jedes Jahr vom 1. Juni bis zum 25. September. Sie versorgen ihre Tiere, stellen Butter und Käse her, backen Brot und bewirten Wanderer und Feriengäste mit Graukassuppe und Kaiserschmarrn. Ein Job, von dem der eine oder andere Städter träumen mag – ohne zu wissen, wie das Leben als Almenwirt wirklich ist. Waltraud und Seppl haben es uns erzählt.
06:30
Der Tag auf der Alm beginnt entspannter, als man denken könnte. Meistens stehen Waltraud und Seppl irgendwann zwischen halb sieben und sieben auf, aber eine feste Weckzeit gibt es nicht. Anders als Höfe, die ihre Milch über Molkereien vertreiben und diese daher zu bestimmten Zeiten zur Abholung bereitstellen müssen, können sie ihre Kühe auch einmal eine halbe Stunde später melken; die Tiere stört das nicht. Diesen kleinen Freiraum genießen die beiden, denn manchmal wird es abends doch ziemlich spät bis alle Gäste gegangen und die Arbeit getan ist. Nach dem Aufstehen trinken die beiden erst einmal zusammen einen Kaffee in der Sitzecke ihrer offenen Küche mit dem großen Ofen. „Das ist das Wichtigste“, sagt Waltraud.
Waltraud und Josef Wibmer
Waltraud und Josef Wibmer
07:30
Wenn die beiden ihren Kaffee ausgetrunken haben, geht Seppl in den Stall, um die Kühe zu melken. Die Kälbchen bekommen ihre Milch und Heu. Denn die Jungtiere sind erst im Juli auf der Weide. Das Jüngste ist dann ungefähr vier Wochen, das Älteste etwa vier Monate alt. Während Seppl sich um die Kühe kümmert, bereitet Waltraud die Speisen für die Gastwirtschaft vor. Erste Wanderer können schon um halb acht auf der Matte stehen.
Frischmilch
Frischmilch
Die frische Milch des heutigen Tages
Die frische Milch des heutigen Tages
08:30
Nach dem Melken werden die Kühe auf die Weide getrieben. Dabei hilft Benny, der wilde kleine Border Collie-Spitz-Mix. Er ist erst ein halbes Jahr alt und muss das Hüten noch lernen, aber er stürzt sich furchtlos und voller Eifer in seine Aufgabe. Wenn die großen Kühe draußen sind, wird der Stall ausgemistet. Danach dürfen auch die Kälbchen ins Freie.
Die Kühe auf der Alm
Die Kühe auf der Alm
09:00
Nachdem die Tiere versorgt sind, planen Waltraud und Seppl beim gemeinsamen Frühstück ihren Tag. Es gibt Eierspeise mit Zwiebeln. Brot und Butter sind selbstgemacht und auch der Honig stammt von Matreier Bienen. Die Frühstückseier haben natürlich die eigenen Hühner gelegt; sie werden morgens und mittags eingesammelt. Denn es stimmt: Ein Huhn legt jeden Tag ein Ei – zumindest in der Regel! Ob das sonntags dann immer zwei sind, ist nicht übermittelt. Schön ist jedenfalls, dass die Tiere bei Waltraud und Seppl nicht geschlachtet werden, sondern auf der Alm ihren Lebensabend verbringen dürfen. Fünf oder sechs Jahre alt wird ein Huhn immerhin im Durchschnitt.
Ein idyllisches Leben - auch für Hühner
Ein idyllisches Leben - auch für Hühner
10:00
Nach dem Frühstück muss Seppl meistens nach unten zum Hof, um dort auf den umliegenden Wiesen das Heu für den Winter zu machen. Waltraud bleibt oben auf der Alm und kümmert sich um die Tagesgäste. Wenn es ruhig bleibt, nutzt sie die Zeit, um im Hinterzimmer der Gaststube aus der Kuhmilch Sauerrahmbutter zu schlagen. Das macht sie zweimal pro Woche, immer dienstags und donnerstags. Der Rahm der Milch, also die Sahne, kommt in ein Holzbutterfass und wird mit elektrischem Antrieb zu Butter geschlagen. Zu diesem Zeitpunkt muss die Sahne drei Tage alt sein.
Waltraud macht ihre Butter selber
Waltraud macht ihre Butter selber
11:00
Nach etwa einer Stunde hat sich unten im Fass die fettarme Milch abgesetzt und oben liegt die Butter. Aus der Milch macht Waltraud den Graukäse, die Spezialität des Hauses. Diese besondere Art Handkäse wird zu Kaspressknödeln, Graukassuppe oder Käsespätzle weiterverarbeitet. Die Butter wird so lange ausgewaschen, bis das Wasser klar bleibt. Sie wird in 500g-Stücken abgewogen und geformt. Die fertigen Stücke schwimmen in einem Bottich mit Wasser. Das Ganze macht Waltraud an dem jeweiligen Tag insgesamt drei Mal, immer wenn sie zwischendurch einmal Zeit hat.
12:30
Beim Buttermachen lässt Waltraud immer die Tür zur Stube offen, damit sie hört, wenn Gäste kommen und sie dann schnell helfen kann. Wenn Seppl da ist, bereitet er die Speisen zu. Die meisten Gerichte sind vorbereitet, z.B. Sauerkraut oder Suppe. Aber die beliebten österreichischen Mehlspeisen wie Palatschinken oder Kaiserschmarrn werden frisch gebacken.
Der Kaiserschmarrn auf der Hoanza Alm
Der Kaiserschmarrn auf der Hoanza Alm
15:00
Bis Waltraud und Seppl selbst eine Pause einlegen und etwas essen können, ist es meistens schon Nachmittag – wenn viel los ist, wird es auch schon einmal halb fünf. Die Nachmittagsgäste werden mit Linzer Schnitten, Kaffee und Eis bewirtet. Die Wirtin setzt sich auch zu den Gästen und plaudert mit ihnen, das gehört dazu. Zwischendurch geht Waltraud immer wieder an ihr Butterfass. Langweilig wird es nie.
Selbst gebackener Kuchen mit Ausblick
Selbst gebackener Kuchen mit Ausblick
17:00
Wenn es einmal regnet und keine Wanderer kommen, ist Waltraud auch nicht traurig. Nicht, dass sie dann frei hätte – aber an solchen Tagen kommt sie endlich einmal zu den Dingen, für die sonst die Zeit fehlt: Dinge, bei denen man länger dranbleiben kann, also zwei, drei, vier Stunden. Putzen, Knödel rollen, Wäsche machen... Es gibt immer etwas zu tun.
18:00
Einige Wanderer oder Feriengäste kommen auch zum Abendessen. Manchmal, wenn viele Gäste da sind, wird es sehr spät. Das letzte Geschirr wird dann erst um zehn Uhr weggeräumt. Da kann nichts stehen bleiben, denn am nächsten Tag muss ja alles wieder für die neuen Gäste vorbereitet sein. Besonders an den Wochenenden, an denen Schaftreiben stattfindet, kann es spät werden. Alle drei Wochen kommen vierzehn Schafbauern mit ihren Söhnen auf die Hoanza Alm, um ihre Schafe, die in den Bergen weiden, zu holen und nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist. Die Tiere bekommen auf der Hütte auch ihre Ration Salz, denn sie brauchen Mineralstoffe. Von Freitag auf Samstag schlafen 19 bis20 Personen auf der Hoanzer Alm, essen dort zu Abend und trinken zusammen Bier. Um zwölf oder eins ist Sperrstunde, denn am Samstagmorgen um fünf Uhr früh geht es los mit der Tagwache und einem kräftigen Frühstück. Die Männer werden aufgeteilt in drei Gruppen: Eine Gruppe geht zur Kessleralm, eine zur Sudetendeutschen Hütte, eine am Grat entlang zur Äußeren Steiner Alm. Währenddessen bereitet Waltraud das Essen für alle vor und bewirtet die anderen Schafbauern und Tagesgäste. Bis spät in den Abend hinein sind alle beschäftigt – das ist immer ziemlich viel Arbeit.
Waltraud bedient ihre Gäste
Waltraud bedient ihre Gäste
22:00
Wenn alle Gäste gegangen sind und Ruhe einkehrt, ist es oft schon zehn oder elf Uhr. Der Arbeitstag hat selten weniger als vierzehn Stunden, richtige Pausen gibt es eigentlich kaum. Vor dem Schlafengehen packt Waltraud noch die fertigen Butterstücke ein. Einmal pro Woche verkauft sie die Butter an ihre Stammkunden im Dorf, für fünf Euro pro Stück. Konkurrenz gibt es kaum, die Nachfrage ist sehr groß. Auch für die Hühnereier hat sie Abnehmer, aber die verbraucht Waltraud fast alle selbst beim Kochen und Backen.

Waltraud und Josef Wibmer, Landwirte mit Almwirtschaft und Ferienwohnung aus Matrei, Osttirol/Österreich



In den Bergen findet man Ruhe, frische Luft und pure Natur. Wer die Einsamkeit mag, kann sich im Sommer für ein paar Wochen eine abgelegene Alpenhütte mieten. Waltraud und Seppl leben und arbeiten in einem solchen Idyll. Sie bewirtschaften gemeinsam jeden Sommer die familieneigene Hoanza Alm im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern. Ein ursprüngliches und schönes, aber auch manchmal ziemlich anstrengendes Leben.

Die Hoanza Alm
Die Hoanza Alm


Wie kamt ihr zu eurem Job?
Waltraud: Der Hof und die Alm sind schon über Generationen im Besitz der Familie Wibmer. Als der Vater von Seppl vor vierundzwanzig Jahren bei einem Autounfall starb, haben wir sie übernommen. Da waren wir gerade ein Jahr verheiratet.
Seppl: Wir sind also quasi in den Job hineingeboren. Das kannst du nicht lernen. Das ist eine Begabung – das ist im Blut.
Waltraud: Fünfhundert von tausend Schafen erkennt Seppl mit dem Fernglas, aber natürlich kennt er sie alle.
Seppl: Ein anderer Job wäre für mich nicht in Frage gekommen. Wenn ich den Hof nicht hätte übernehmen können, wären wir nach Neuseeland oder Kanada ausgewandert – und dort wäre ich dann Schafhirte geworden.
Waltraud: Früher hätte ich mir auch ein anderes Leben vorstellen können. Ich wollte nie einen Bauern als Mann! Meine andere Schwester, die keinen wollte, hat auch einen. Und die, die einen wollte, hat keinen. Wer schimpft, der kauft!



Was inspiriert euch?
Waltraud: Ich setze mich gern abends mit einem Bier nach draußen und schaue den Tieren zu. Dann beobachte ich die Enten wie sie baden, die Pfaue wie sie picken, die Hasen wie sie hüpfen. Und freue mich an der schönen Natur. In diesen Momenten denke ich mir oft: Gott sei Dank sind wir hier geboren!

Pferde auf der Alm
Pferde auf der Alm


Was ist positiv an eurem Job?
Beide: Alles. Es ergibt alles einen Sinn. Die Menschen freuen sich, wenn sie gutes Essen kriegen – und über ein gutes Wort. Und die Tiere gehören einfach zu uns.

Seppl melkt eine Ziege
Seppl melkt eine Ziege


Und was ist negativ?
Waltraud: Nörgler sind negativ. Es gibt schon Leute, die meckern: Es ist so weit und so steil. Aber wer in die Berge fährt, der muss eben damit rechnen, dass es steil ist! Sogar die Wanderer meckern. Dass es heiß ist oder regnet. Schade ist, dass wir selbst zwar hier wohnen, aber nie richtig wandern gehen können. Dafür haben wir leider keine Zeit.

Würdet ihr den Job weiterempfehlen?
Waltraud: Wir haben hier sehr viele Aussteiger, die meinen, das sei ein Traumjob. Dem ist nicht so! Du musst alles gerne machen. Du musst dir bewusst machen, dass es kein Honigschlecken ist. Dass es lange, zähe Tage sind.

Seppl: Wer das einmal ausprobieren möchte, der kann ja einmal eine Alm für eine Saison pachten. Da hat man dann eine Gastwirtschaft und oft zusätzlich Kühe zu betreuen. Auch wenn die nicht gemolken werden müssen, muss man als Pächter und Hirte immer kontrollieren, ob alle da sind und Kühe, die in eine gefährliche Situation geraten sind, dort rausholen. Wenn eine hinkt oder ein Geschwür hat, sagt der Hirte dem Bauern Bescheid und der kümmert sich dann.

Was sind eure wichtigsten Worktools?
Wir beide! Wir brauchen uns gegenseitig. Die Melkmaschine. Und alle modernen Küchenhelfer – vom Herd über den Kühlschrank bis zum Quirl.

Was ratet ihr Neueinsteigern?
Beide: Neueinsteiger sollten sich einmal bewusst machen, ob sie dem wirklich gewachsen sind. Viele haben ja die Sehnsucht nach einem einfachen Leben in der Natur, aber können sich den harten Alltag nicht vorstellen. Wir raten allen, die mit dem Gedanken spielen, es einfach einmal auszuprobieren und für eine Saison eine Alm zu pachten.

Die Aussicht auf der Hoanza Alm
Die Aussicht auf der Hoanza Alm


Wie schätzt ihr die Zukunft des Berufsfeldes ein?
Seppl: Leider schließen immer mehr Landwirte und Almwirtschaften die Tore, vor allem die kleinen Betriebe. Als Nebenjob kann man das nicht machen. Das Problem ist: Personal ist kaum finanzierbar, da die Versicherungen sehr teuer geworden sind. Also muss man eigentlich alles selbst machen. Wir selbst haben auch keine Angestellte, nur unsere erwachsenen Kinder packen ab und zu mit an, und unser jüngster Sohn Harald wird den Hof wohl irgendwann mal übernehmen. An krank werden ist erst gar nicht zu denken. Daher suchen viele Bauern ja eine Frau – wie bei Inka Bause! Die macht das wirklich super!

Was möchtet ihr noch erreichen?
Beide: Nicht mehr, als das was wir haben – das reicht uns! Wir wollen nicht noch mehr Tiere oder noch mehr Gäste. Je größer der Betrieb, um so mehr Arbeit hat man. Dann wird der Aufwand für uns zu groß.

Der Lift zur Hoanza Alm
Der Lift zur Hoanza Alm


Welchen Ausgleich gönnt ihr euch?
Waltraud: Wenn ich nicht zu müde bin, lese ich gerne abends im Bett. Bücher oder Zeitungen, was gerade zur Hand ist. Fernsehen gibt es nicht auf der Alm, nur Radio, Handy und Internet als Kontakt zur Außenwelt. Wir sind also weit weg von schlechten Nachrichten.
Seppl: Im Winter gehen wir gerne in die Therme nach Bad Gastein. Wir machen keinen Urlaub, aber wir hängen öfter mal so zwei oder drei Tage dran, wenn wir zum Großmarkt müssen. Einmal waren wir fünf Tage in Berlin und letztes Jahr haben wir eine Busreise Rom und Cinqueterre gemacht. Auf Teneriffa und Gran Canaria waren wir auch einmal.
Waltraud: Im Winter ist es besser: In dieser Zeit leben wir mit den Tieren auf unserem Hof im Tal. Dort können wir auch einmal die Haustür zusperren und gehen. Wir müssen zwar auch das Vieh versorgen, ich melke dann die Kühe, Seppl füttert sie und macht sauber. Aber da keine Gäste kommen, haben wir dann mehr Freizeit als in der Sommersaison.

Portrait Waltraud Wibmer
Portrait Waltraud Wibmer


Text und Fotografie: Anne van Dülmen

Steckbrief

  1. Alter: 48
  2. Wohnort: Matrei, Osttirol/Österreich
  3. Beruf: Landwirte mit Almwirtschaft und Ferienwohnung
  4. Branche: Landwirtschaft und Gastronomie
  5. Anzahl an Arbeitstagen: 7
  6. Arbeitsstunden pro Tag: 14
  7. Status: selbstständig
Kontakt

Hoanza Alm, Matrei, Osttirol
Zur Buchung der Hoanza Alm



Unterstütze uns auf Steady

Share

Zum Weiterlesen

Ein Gedanke zu „Waltraud und Josef Wibmer“

  1. Mega cooler Artikel!!! Ich will mehr von Work in Process lesen! Mir gefällt das Design sehr gut, und auch die Bilder wurden gut getroffen!👍🏻 Ich wünsche mir mehr von solchen wunderbaren Artikeln!!!😃
    LG Rose 🌹

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.