Luisa Morea

Die Flamencotänzerin Luisa Morea

Flamencotänzerin

Málaga, Spanien

“Warum laufen, wenn ich tanzen kann” scheint das Motto der spanischen Flamencotänzerin Luisa Morea zu sein. Wir treffen die ausdrucksstarke Frau in Andalusien, der Wiege des Flamencos und wollen wissen, wie sie ihren Tag als Flamencotänzerin strukturiert. Natürlich lassen wir uns eine Kostprobe ihrer Kunst nicht entgehen.
09:30
Luisa Morea bringt ihre beiden Kinder mit dem Auto zur Schule und fährt dann gemeinsam mit ihrem Mann, dem Flamencogitarristen Pepe, zur Peña Juan Breva in der Innenstadt von Málaga.
Luisa und Pepe am Eingang der Peña Juan Breva
Luisa und Pepe am Eingang der Peña Juan Breva

10:00
Dort angekommen, begrüßt sie die Sängerin und den männlichen Flamencotänzer herzlich auf spanische Art – mit Küsschen und einem Plausch. Dann macht sie sich in einem kleinen Backstage-Raum für die Show fertig: Sie trägt starkes Make-up, roten Lippenstift und schwarzen Mascara auf, bindet ihre braunen, langen Haare zu einem Zopf, dekoriert ihn mit einer großen Blume und wirft sich in ihr türkises Flamencokleid. Dabei gönnt sie sich einen Kaffee. Zuletzt legt sie sich ihren weißen Mantón um.
Luisa macht sich für die Show schick
Luisa macht sich für die Show schick
Luisa hat ihren Mantón selbst gemacht
Luisa hat ihren Mantón selbst gemacht

10:45
Die Musiker spielen sich ein und Luisa und der Tänzer wärmen sich auf. Einige Lieder werden angespielt, Schritte ausprobiert und Übergänge besprochen. Allen ist anzusehen, dass sie sich auf die Show, die gleich beginnen wird, freuen und dass die Stimmung für feurigen Flamenco langsam aufkommt. Nebenbei deckt der Kellner den Tisch für die Gäste, die gleich eintreffen müssen. Die Kompanie zieht sich in den Backstageraum zurück, dort herrscht eine angespannte Konzentration. Luisa zieht noch einmal ihren Lippenstift nach und zupft ihr Kleid zurecht. Sitzt die Blume im Haar auch fest genug?
Luisa und Pepe kommen in Stimmung
Luisa und Pepe kommen in Stimmung
11:00
Die Gäste des Kreuzfahrtschiffs betreten alle gleichzeitig den kleinen Flamencokeller, nehmen in freudiger Erwartung Platz und werden bedient. Es gibt Tapas und Rotwein, die Show kann beginnen. Der Gitarrist spielt sich in Rage, die Sängerin klagt wehleidig von Liebe, Lust und Leidenschaft. Luisa und ihr männlicher Tanzpartner werfen sich strenge Blicke zu, stampfen mit ihren eleganten Lackschuhen auf den Holzboden und werfen sich ruckartige Gesten zu – bei einer imposanten Drehung fliegt Luisas Blume aus dem Haar. Sie lässt sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Ihr Tanz mutet einem Stierkampf an, beide umtänzeln sich wie Torero und Toro mit einer Ernsthaftigkeit und Hingabe als ginge es um Leben und Tod.
Luisa Morea beim Tanzen
Luisa Morea beim Tanzen
Auch der männliche Flamencotänzer ist  elegant und grazil
Auch der männliche Flamencotänzer ist elegant und grazil
12:00
Pünktlich 12 Uhr ist die Show vorbei, die Gäste sind schwer beeindruckt, leeren ihre Gläser und Teller, loben die Musiker und machen ein letztes gemeinsames Foto, bevor wieder allesamt gemeinsam verschwinden, um auf dem Kreuzer den nächsten Hafen anzusteuern. Die vier Künstler besprechen noch, wie die Show lief, und gehen dann ihrer Wege. Luisa zieht sich im Backstageraum wieder ihre Alltagsklamotten an und fährt mit dem Auto gemeinsam mit ihrem Mann zurück nach Hause.
im Backstageraum
im Backstageraum
13:00
Zu Hause angekommen, kocht Luisa für die ganze Familie, also ihren Mann, ihren Sohn und ihre Tocher, die gerade aus der Schule kommen, das Mittagessen. Sie essen heute Arroz a la cubana – ein beliebtes spanisches Essen für Kinder.

15:00
Die Kinder gehen wieder zur Schule und Luisa arbeitet ein wenig von zu Hause aus. Sie näht einige Kleidungsstücke für ihre Flamencoschülerinnen und bereitet den Unterricht des heutigen Nachmittags vor. Dafür macht sie sich Notizen für die Choreografie, die die Schülerinnen heute lernen werden. Gegen 16:00 steigt sie in ihr Auto, um zur Tanzschule zu fahren.
16:30
Luisa betritt die kleine Tanzschule eine halbe Stunde, bevor der Unterricht beginnt, um sich vorbereiten zu können. Sie zieht ihre Tanzkleidung an und legt die CDs mit der Musik bereit. Zuerst empfängt sie die Kinder der Ballettklasse, die von einer anderen Lehrerin unterrichtet werden, und macht mit ihnen Erwärmungsübungen, solange die Kollegin noch die vorherige Klasse beendet.
Die kleinen Balletttänzerinnen
Die kleinen Balletttänzerinnen
17:00
Um fünf beginnt ihre eigene Klasse mit Mädchen von 6 bis 10 Jahren, die Flamenco lernen wollen. Die Klassen sind von Beginn des Jahres an genau durchorganisiert. Für jede Altersstufe gibt es genau definierte Ziele, welche Techniken, Schritte und Tänze beherrscht werden sollen. Die Mädchen lernen heute ein paar Grundschritte für einen neuen Tanz und sehen schon sehr grazil aus.
19:00
Nun kommen die Älteren, die bereits so gut sind, dass sie sich auf die Eignungsprüfung am Konservatorium vorbereiten wollen, um danach eine Karriere als Tänzerin zu beginnen. Die Mädchen verbringen bis zu 22 Stunden wöchentlich mit dem Flamenco – neben der regulären Schule. Streng schaut Luisa, ob die Positionen der Füße, des Kopfes und der Hände bei jedem Schritt und bei jeder Drehung stimmen und korrigiert hier und da die Haltungen der Mädchen. “Uno, dos, tres, noch einmal von vorn!”
Die Mädchen wollen alle professionelle Flamencotänzerinnen werden
Die Mädchen wollen alle professionelle Flamencotänzerinnen werden
21:00
In der letzten halben Stunde bereitet Luisa mit den Mädchen eine Show für das Konservatorium für Schauspiel und Tanz in Málaga vor. Dafür hat sie zu Hause bereits Musik ausgewählt, die genau zu ihren Tänzerinnen passt und das Beste aus ihnen herausholt. Alle sind begeistert von der Musik und von der Idee, bald vor Fachpublikum auftreten zu dürfen.
21:30
Der Unterricht ist zu Ende, Luisa zieht sich um und trifft ihren Mann und die beiden Kinder in einer Bar im Viertel, um noch ein Feierabendgetränk zu genießen. Die Kinder spielen derweil auf der Straße mit anderen Kindern des Stadtteils und Luisa und ihr Mann quatschen mit anderen Gästen der Bar.

Luisa Morea, Flamencotänzerin aus Málaga, Spanien



„Sie wird die einzige in der Familie sein, die Grazie hat“, prognostizierte ihre Oma der kleinen Luisa Morea. Die Familie schickte sie also zur Tanzschule und führte sie in die Welt des Flamenco ein. So begann ihre lebenslange Liebe zum Tanz, die Luisa nun zu ihrem Beruf und Lebensmittelpunkt gemacht hat. Die Flamencotänzerin aus Málaga hat es geschafft, vom Flamenco zu leben, indem sie für Touristen tanzt und den Nachwuchs unterrichtet. Flamenco dringt bis in jede Ecke ihres Lebens ein: Ihr Ehemann ist Flamencogitarrist, sie entwirft und näht ihre Kleidung für den Tanz selbst und organisiert Flamenco-Events und Auftritte für ihre Tanzschule. Wir haben die vor Energie sprühende Frau in Málaga besucht und sie einen Tag lang begleitet.

Flamenco ist ihr Leben

Wie kamst du zu deinem Job?
Mit 15 begann ich zu arbeiten, zunächst bei einer Touristenshow in einem Dorf bei Málaga – drei Tänzerinnen und eine Gitarre. Dort sah mich eine Familie und nahm mich für ihre Show in Casablanca in Marokko unter Vertrag, dort tanzte ich fünf Monate lang. Mit 18 begann ich das Studium des klassischen spanischen Tanzes und Flamencos am Konservatorium. Währenddessen habe ich weiter mit einem „cuadro flamenco“ - einer kleinen Gruppe, auf Events und in Hotels getanzt. So habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Wir gingen immer mehr auf Reisen und kamen sogar bis China, doch unsere Tochter nahm uns das irgendwann übel und wir mussten sesshafter werden und etwas stabileres suchen. Wir haben in Málaga eine Flamencobar gegründet, aber das hat sich finanziell nicht gelohnt. Also begann ich, in einer Flamencoschule zu unterrichten.

Was inspiriert dich?
Mich inspiriert das Leben. Das war so, als ich damals als Siebenjährige vor dem Spiegel stehend wusste, Tänzerin werden zu wollen und das ist heute noch so, wenn ich nach Musik tanze und ausgehe – mich inspiriert das Leben. Beim Tanzen inspiriert mich natürlich auch die Musik. Sie hat etwas übernatürliches. Pepes Gitarre inspiriert mich. Mit ihm bin ich komplett. Ich weiß, was er spielen wird. Wenn ich will, improvisiere ich und lasse mich von seiner Musik leiten. Beim Unterrichten und beim Tanzen wirbelt es mir im Bauch.

Luisa in Aktion

Was ist positiv an deinem Job?
Er macht mich glücklich. Wenn ich tanze, fühle ich mich gut. Ich kann down sein, doch wenn ich tanze, erinnere ich mich nicht daran und fühle mich einfach glücklich.

Und was negativ?
Manchmal wird die Leistung nicht anerkannt und wertgeschätzt. Die Leute sehen uns früh morgens mit der Gitarre ausgehen und fragen „Was? Feiern?“ Nein! Feiern gehen die, die kommen, um uns zu sehen, essend und Wein trinkend. Wenn du nicht einer der Großen bist, wirst du noch weniger wertgeschätzt. Man sollte alle Künstler wertschätzen, auch die unbekannteren. Jeder, der eine Show auf die Beine stellt, verdient Respekt.
Die Instabilität ist auch ein negativer Aspekt. Heute hast du Arbeit, aber für morgen weißt du es nicht.

Würdest du den Job weiterempfehlen?
Wenn du mir sagst, dass ist das, was dich glücklich macht, dann mach es! Aber einfach so ins Blaue hinein kann ich das nicht empfehlen. Wenn du es liebst und fühlst, ja. Es ist die größte Erfüllung, das arbeiten zu dürfen, was dir gefällt.

Was sind deine drei wichtigsten Worktools?
Meine Tanzschuhe, Pepes Gitarre und meine Kleidung – Mantón, Kleid und Absatzschuhe – denn sie beflügelt mich beim Tanz.

Der Flamencogitarrist Pepe Satorre
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Was rätst du Neueinsteigern?
Wenn ihr etwas erreichen möchtet, dann arbeitet viel. Dieser Beruf erfordert Aufopferung. Ich empfehle ein Studium. Sucht euch eine gute Schule, die euch das, was ihr lernen wollt, sehr gut beibringt. Man muss auch wissen, wie man lernt.

Wie schätzt du die Zukunft deines Berufsfeldes ein?
Du musst sehr gut und innovativ sein, um Zukunft zu haben. Wenn du gut tanzt und auch gut unterrichten kannst, schaffst du es vielleicht. Generell wird der Tanz weiter gefragt sein, denn tanzen ist auch eine Therapie. Flamenco zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist damit geschützt und gleichzeitig Tourismusmagnet. Das sollte aber noch viel mehr ausgebaut werden, dann würde es dem Flamenco besser gehen.

[caption id="attachment_11132" align="alignnone" width="800"]Auch das Kastagnettenspielen will gelernt sein


Was möchtest du noch erreichen?
Dass unsere Kompanie eines Tages eine Show in einem Theater gibt. Dass ich einmal in einem Theater als Prima Bailadora (Erste Tänzerin) tanze. Mein Mann muss mich begleiten, sonst würde ich das nicht machen. Wir sind eine Einheit. Er, seine Gitarre, ist meine Inspiration.

Welchen Ausgleich gönnst du dir?
Ich mache Handarbeit, denn ich kann nicht stillhalten. Wenn ich einen Film anschaue, schlafe ich ein; wenn ich nichts in der Hand halte, schlafe ich ein. Deswegen nähe ich, mache Anzüge, zeichne Objekte wie Schmuck oder Dekoration für das Haus. Auch organisiere ich gerne Dinge und helfe anderen. Fast alles mache ich, um zu schenken oder zu helfen. Mir gefällt es, die Gesichter der Menschen zu sehen, wenn sie das genießen, was ich für sie gemacht habe.

Das Plakat zur Show

Text und Fotografie: Katrin Haase und Javier Pérez-Lanzac

Steckbrief

  1. Alter: 48
  2. Wohnort: Málaga, Spanien
  3. Beruf: Flamencotänzerin
  4. Branche: Unterhaltungsbranche
  5. Pausen pro Tag: 1
  6. Status: freiberuflich


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