Catherine Allié

Catherine Allié von KAL, Foto: Florian Rosier

Geschäftsführerin und Gründerin von KAL

Leipzig

Catherine Allié ist eine Idealistin, die ihren Beitrag dazu leistet, die Welt ein wenig besser zu machen. Sie studierte BWL und Mode und lebte lange in Indien. Dort gründete sie die Textilmarke KAL – hindi für „gestern“ und „morgen“ – für nachhaltige, faire und ökologische Mode. Von Leipzig aus organisiert sie das Design und den Vertrieb und zweimal im Jahr packt sie in Indien selbst beim Weben, Spinnen und Färben mit an. Wir haben uns einen solchen Tag in Indien von ihr akribisch beschreiben lassen.
07:00
Bei ihrer Mitarbeiterin Lotika zu Hause wacht Catherine Allié auf und trinkt zuallererst eine Tasse Kaffee, dann frühstückt sie gemeinsam mit Lotika, ihrem Mann Chandan und ihren zwei Kindern. Sie trinkt eine kurze Tasse Chai und isst Süßigkeiten aus Sesam und Kokos.
Frühstück in Indien
Frühstück in Indien
07:30
Dann nimmt Catherine sich Zeit, ein wenig zu lesen und zu plaudern. Sie schaut in ihren Handkalender, macht Eintragungen und Zeichnungen.
Lisanne de Bakker und Catherine Allié von KAL besprechen die neue Kollektion
Lisanne de Bakker und Catherine Allié von KAL besprechen die neue Kollektion
08:00
Das Tagesziel für Lotika, Chandan und Catherine ist es, gemeinsam den Garn zu färben. Der erste Arbeitsschritt ist das Sammeln der Blätter, die die Farbe geben. Dafür gehen Catherine und Chandan zu den selbst angebauten Teakbäumen, hacken mit einer Machete die großen Blätter ab, packen sie in Tüten und schneiden sie. Die daraus entstehende Farbe variiert von rosa bis olivgrün.
Die Blätter der Teakbäume sind riesengroß
Die Blätter der Teakbäume sind riesengroß
Chandon pflückt die höher hängenden Teakblätter mit einem langen Stab
Chandon pflückt die höher hängenden Teakblätter mit einem langen Stab
10:00
Die gehackten Blätter tragen sie zurück zum Hof des Hauses, wo sie die Blätter in einem großer Kessel mit Wasser aufkochen – zwei Stunden muss der Sud kochen, damit das Wasser die Farbe annimmt. Dabei trinken beide eine Tasse Chai und quatschen, bis Lotika ihnen aus Reismehl gekochte Pfannkuchen, Brot und Gemüse bringt, das alle gemeinsam auf dem Boden sitzend essen – ein zweites Frühstück.
Ein Kessel voller gehackter Teakblätter zum Färben
Ein Kessel voller gehackter Teakblätter zum Färben
12:30
Beim Färben selbst würden die Blätter stören, daher entfernen sie die ausgekochten Blätter mit einem großen Baumwolltuch. Dann ist es soweit: Das Garn kommt in den Kessel mit dem Farbsud. Den Garn hatten die beiden schon am Vortag gebeizt und mit Fäden zusammengebunden, damit er später besser zum Trocknen aufgehängt werden kann. Den Sud mit dem Garn rührt Catherine mit einem großen Holzlöffel immer mal um, damit sich die Farbe gut verteilt. Die Temperatur wird mit Gas bei 75 bis 82 Grad Celsius gehalten. Mit einem Thermometer überprüfen beide die Temperatur. Das Färben mit Teakholz-Blättern dauert nun eins bis zwei Stunden. Würden sie heute gelb einfärben, ginge es mithilfe von Kurkuma schneller: Dann dauert es mitunter nur zehn Minuten. In einem Kessel können sie ein Kilo Garn einfärben, daraus kann Catherine später acht bis zehn Schals herstellen.
Um zu Färben, holt Lotika die Blätter aus dem Sud heraus
Um zu Färben, holt Lotika die Blätter aus dem Sud heraus
14:00
Zu Mittag reicht Lotika ihnen Reis, Linsensuppe, Kartoffeln und Gemüse, das alle gemeinsam am Boden sitzend essen. Dabei kommen Händler vorbei, die Garn feilbieten. Heute lehnt Catherine ab, sie hat bereits genug auf Lager.
Catherine und die Händlerinnen
Catherine und die Händlerinnen
15:00
Nach dem Essen waschen Catherine und Chandan den Garn aus: Eine elektrische Wasserpumpe entfernt das Wasser, sie heben die Stränge heraus, waschen sie in kleinen mit Wasser gefüllten Eimern aus und wringen das Garn aus.
Das Garn waschen alle gemeinsam aus
Das Garn waschen alle gemeinsam aus
16:30
Auf einem Stab im Hof hängen sie den Garn zum Trocknen auf. Dabei helfen nun die kleinen Seile, mit denen sie vorher die Fäden zusammengebunden hatten. Jedes einzelne Garn müssen sie zum Trocknen aufmachen, damit alles gut trocknen kann. Danach gönnen sie sich ein Päuschen, die Handarbeit ist für heute getan. Bei Tee plaudert die Familie miteinander, Catherine spielt mit dem Sohn Uno oder redet mit den Dorfbewohnern, bis es dunkel wird.
Das gefärbte Garn muss nun an der Luft trocknen
Das gefärbte Garn muss nun an der Luft trocknen
quatschen bis es dunkel wird
quatschen bis es dunkel wird
18:00
Wenn die Nacht eingekehrt ist, setzt Catherine sich ins Haus hinein und beginnt mit der Arbeit am Computer. Sie bearbeitet Bilder, liest und beantwortet E-Mails, schreibt Blog-Beiträge, postet auf Facebook, bewirbt sich bei Stipendien oder organisiert den Vertrieb ihrer Kleidung. In Assam hat sie eine sehr gute Internetverbindung, da sie sich ein Internet-Pack für das Handy kauft.
Catherine an der Wohnungstür
Catherine an der Wohnungstür
22:00
Zum Abendbrot reicht Lotika wieder selbstgekochtes, leckeres, indisches Essen, welches der Mittagsmahlzeit ähnelt.
22:30
Catherine liest noch ein wenig, bevor sie sich schlafen legt. Sie schläft gemeinsam mit Lotika und den Kindern in einem Zimmer, darauf besteht die Familie und es ist als Ehre anzusehen.

Catherine Allié, Geschäftsführerin und Gründerin von KAL aus Leipzig



Als wir uns zum Gespräch treffen, begegne ich einer strahlenden, agilen jungen Frau, die mich nett noch ein wenig vertröstet: Sie wird noch für einen anderen Pressebericht abgelichtet. Ihr Tag war schon von früh bis spät mit Terminen gefüllt, und so läuft es, seit Catherine Alliés Textilmarke KAL auf die Forbes-Liste der 30 vielversprechendsten Jungunternehmen der Welt aufgeführt wurde. Ihr Konzept überzeugt: Die Gründerin verbindet lokale indische Handwerkstraditionen mit fairen Arbeitsbedingungen und modernem, schlichtem Design. Nach ihrem BLW- und Modestudium und ersten Arbeitserfahrungen in Indien war ihr schnell klar, dass sie ein eigenes, ökologisches und faires Modelabel gründen und lokale Handarbeiter einbinden möchte. Mit ihrer damaligen Mitbewohnerin Lisanne de Bakker gründete sie KAL und machte sich auf eine lange Reise in verschiedene Regionen Indiens, um die besten Materialien und Mitarbeiter zu finden. Sie fand sie in Ladakh bei Nomaden im Himalaya, im östlichen Flusstal Assam und an den Fußhügeln des Himalayas in Himachal Pradesh. Aus Ladakh bekommt sie Yak, Schaf- und Lammwolle, aus Assam Eriseide, die auch als „Friedens-Seide“ bekannt ist, da die Raupen nicht sterben müssen, und in Himachal Pradesh Strickwaren. Zweimal im Jahr reist Catherine selbst in die Regionen, um einen Einblick in den Herstellungsprozess zu bekommen und um in Kontakt mit ihrem Team zu bleiben. Den Rest des Jahres arbeitet sie Vollzeit von Leipzig aus für KAL und hat dabei einen vielfältigen Tagesablauf. Im Interview lässt sie in ihre Gründungserfahrung einblicken.


Silk Farming & Process from we are KAL on Vimeo.



Wie kamst du zu deinem Job?
Meine Indienerfahrung begann 2012 mit einem Praktikum, im Folgejahr blieb ich dort und war Vollzeit in der Luxusbranche angestellt, später nur noch Teilzeit. Im Februar 2014 beschloss ich, für neun Monate auf Recherche zu gehen. Ich machte mich auf die Reise durch Indien und suchte nach lokalen, traditionellen Textilherstellern mit handgesponnenen und handgewebtem Garn. KAL begann dann Schritt für Schritt als Projekt und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem Unternehmen. Lisanne war zu dieser Zeit meine Mitbewohnerin und hat KAL gemeinsam mit mir gegründet, jetzt lebt sie wieder in Rotterdam. Offiziell als Einzelunternehmen gegründet habe ich KAL im Oktober 2015.


weaving_silk_fabric from we are KAL on Vimeo.



Was inspiriert dich?
Dinge, die ich in meinem Arbeitsalltag sehe. Die Natur mit ihren interessanten Formen inspiriert mich, die Menschen, zum Beispiel alte Frauen mit wunderschönen Saris, oder auch Gespräche mit Freunden. Mich inspiriert der bescheidene Lebensstil der Leute. Von ihnen lerne ich, etwas ganz einfach zu gestalten, und trotzdem dem selben Effekt zu haben.


weaving_silk_stole from we are KAL on Vimeo.



Was ist positiv an deinem Job?
Ich finde alles positiv. Es ist natürlich nicht immer leicht, aber das ist ja bei allen Jobs so. Das selbstständige Arbeiten gefällt mir, aber auch die Teamführung, die Handarbeit und die verschiedenen Elemente wie Website, Social Media, Administration. Eigentlich finde ich das alles gut.

Und was ist negativ?
Wir haben manchmal Herausforderungen im Team oder in der Wertschöpfungskette – wie kann man die Ware besser von A nach B bringen zum Beispiel. Jetzt arbeite ich Vollzeit für KAL. Ganz ehrlich, ich habe natürlich nicht viel Geld. Das ist so eine Sache, die negativ ist. Zum Glück bin ich noch allein, da kann ich das noch so machen.

Kannst du den Job weiterempfehlen?
Ja, auf jeden Fall. Man sollte geerdet sein und sich auf das Wesentliche konzentrieren können. Schickimicki passt vielleicht nicht ganz so gut dazu, es hat eher etwas Bescheidenes.

Was sind deine drei wichtigsten Worktools?
1) Mein Computer für alles Administrative, Bürokratische und Social Media.
2) Ein Lineal oder Maßband. Die gelieferte Ware messe ich immer alle nach, denn das muss schon genau stimmen. Mein Ziel ist es, die beste Eriseide der Region zu spinnen, zu weben und zu färben.
3) Meine Hände. Es ist eben viel Handarbeit, da ich auch mindestens zweimal im Jahr für ein paar Wochen selbst mit anpacke, um nah am Entstehungsprozess beteiligt zu sein und mich genau auszukennen.

Im Hof am Laptop

Was rätst du Neueinsteigern?
Wenn ihr länderübergreifend gründen wollt, ist die Sprache sehr wichtig, die solltet ihr beherrschen. Hinterfragt immerzu euch selbst und die eigene Idee und bleibt bodenständig. Manche Unternehmen gehen vielleicht von null auf hundert, aber ich denke meistens muss man sehr geduldig sein. Das ist eigentlich das Wichtigste: habt Geduld.

Wie schätzt du die Zukunft deines Berufsfeldes ein?
Ich glaube da tut sich schon ziemlich viel, auch im Bereich der Nachhaltigkeit bei Textilien. Ethisch vertretbare, natürliche Materialien und neu erfundene Materialien liegen im Trend. Bewusstes Leben und bewusster Konsum entwickeln sich immer stärker. Die Leute wollen immer mehr wissen, was hinter einem Produkt steckt. Vor drei Jahren haben noch so viele Leute gesagt: „Das interessiere doch keinen Menschen, das wird schwierig für dich.“ Mittlerweile sind Green Fashion und Entschleunigung Trendwörter.

Was möchtest du noch erreichen?
Eine komplette Nachhaltigkeit bei KAL, auch im wirtschaftlichen Sinne. Ich möchte nicht dauerhaft auf so einem Sparkurs leben, und das geht anderen Beteiligten auch so. Noch ist es eher ein Saisongeschäft, mal kommen mehr Bestellungen, mal weniger. Das hätte ich lieber geradlinig, damit ich weiß, womit ich kalkulieren kann und ein bisschen besser planen kann.

Welchen Ausgleich gönnst du dir?
Ich gehe in meinen Schrebergarten oder in den Wald zum Laufen.

Interview: Katrin Haase
Portraitfoto: Florian Rosier, auch bei Facebook zu finden
Fotos und Videos: Catherine Allié, Pietro Degli Esposti

Steckbrief

  1. Alter: 27
  2. Wohnort: Leipzig
  3. Beruf: Geschäftsführerin und Gründerin von KAL
  4. Branche: Textilindustrie
  5. Anzahl an Arbeitstagen: 7
  6. Arbeitsstunden pro Tag: 14
  7. Pausen pro Tag: 4
  8. Status: Einzelunternehmerin


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