Lydia Fritzsch

Die Gewandmeisterin Lydia Fritzsch

Gewandmeisterin, Werkstattleiterin der Damenschneiderei am Staatstheater Braunschweig

Braunschweig

Das Theater fand sie schon immer faszinierend – vor allem die Kostüme haben es ihr angetan. So beschritt Lydia Fritzsch dann auch den langen Ausbildungsweg zur Gewandmeisterin und arbeitet nun als Werkstattleiterin am Staatstheater Braunschweig. Wir waren einen Tag lang dabei.
07:15
Lydia Fritzsch verlässt ohne Frühstück das Haus und fährt mit den Fahrrad zum Staatstheater Braunschweig.
Lydia betritt den Bühneneingang
Lydia betritt den Bühneneingang
07:30
Dort angekommen, geht sie durch die Werkstätten, begrüßt die Kollegen und schaut, ob alles in Ordnung ist und ob auf ihrem Arbeitstisch etwas liegt, das repariert werden muss.
Lydia an ihrem Arbeitstisch
Lydia an ihrem Arbeitstisch
08:00
Nun frühstückt das 15-köpfige Team gemeinsam in der Werkstatt. Währenddessen geben Lydia und ihre Kollegin Susanne allgemeine Informationen an alle weiter und besprechen mit den Schneiderinnen wichtige Tagesordnungspunkte.
In der Damenschneiderei gibt es eine kleine Küchennische, wo sich die Schneiderinnen Kaffee und Tee zubereiten
In der Damenschneiderei gibt es eine kleine Küchennische, wo sich die Schneiderinnen Kaffee und Tee zubereiten
08:15
Ein Kostümassistent kommt in ihre Werkstatt und informiert Lydia über die Probe am Vorabend. Es stellte sich heraus, dass eine neue Tasche am Rock einer Schauspielerin nötig ist, da sie sich während des Stücks ihre Brille in die Tasche stecken muss. Dann schaut Lydia, ob alle Schneider Arbeit haben und gibt ihnen gegebenenfalls neue Aufgaben und erklärt Details, wie etwas genau verarbeitet werden soll.
Lydia mit einer Schneiderin ihrer Werkstatt
Lydia mit einer Schneiderin ihrer Werkstatt
09:00
Mit einer Solistin probieren Lydia und die Gewandmeisterin ein neues Kostüm in der Anprobe an. Je nach Stück gibt es unterschiedlich viele Kostüme. Die Anprobe kann also von 15 Minuten bis anderthalb Stunden dauern. Bei der Anprobe geht es vor allem darum, die Passform zu klären. Dafür ist das Kostüm zur Anprobe fertig und wird dann am Körper angepasst, in dem die Gewandmeisterin das genaue Maß mit Nadeln absteckt, um es später ändern zu können. Die Kostümbildner sind auch dabei und entscheiden gestalterische Details, die noch geklärt werden müssen. Das kann ein dekoratives Band oder eine Kragenbreite sein.
Lydia bei der Anprobe
Lydia bei der Anprobe
10:30
Nun ist es Zeit für eine Kostümabgabe im Büro des Kostümchefs. Ein Kostümbildner für eine zukünftige Produktion kommt in die Kostümabteilung und zeigt seine Entwürfe. Entweder bringt er dafür selbstgezeichnete Figurinen oder Collagen aus Bildmaterial mit, um seine Vorstellungen zu verdeutlichen. Mit dem Kostümchef und den Damen- und Herrengewandmeistern werden die Rollen durchgesprochen und Schnittdetails geklärt. Dann werden geeignete Materialen gesucht. Diese Besprechung steht normalerweise vier Monate bis acht Wochen bei kleinen Stücken vor der Premiere an.
Lydia schaut sich die Figurinen an
Lydia schaut sich die Figurinen an
12:30
Lydia und ihre Kollegin Susanne gehen gemeinsam in die hauseigene Kantine zum Mittagessen. Die Essenszeit variiert je nach Terminen, die vorher und nachher anstehen. Das Mittag kostet zwischen 2,10 Euro und 5,50 Euro, die Mitarbeiter haben die Wahl zwischen fünf Gerichten.
13:00
Lydia teilt aus den vorausgewählten Sachen aus dem Fundus die Kostüme zu, die der Chor in der nächsten Produktion tragen wird. Dafür vermisst sie die einzelnen Kostümteile und vergleicht diese Maße mit der Maßliste der Chorsängerinnen. So kann sie sich bei der Anprobe Zeit sparen.
Die Kostüme für den Chor
Die Kostüme für den Chor
14:00
Einmal wöchentlich findet der Jour fixe statt. Im Büro des Kostümdirektors treffen sich die Gewandmeister, die Werkstattleiter der Damen- und Herrenschneiderei, die Fundus-Verwalterinnen, die Ankleide-Chefinnen und die Assistentin des Chefs, um wichtige Informationen abzugleichen und organisatorische Dinge zu besprechen.
Auch in der Werkstatt ist Ordnung das halbe Leben. Lydia sucht hier nach den Kontaktdaten einer Solistin.
Auch in der Werkstatt ist Ordnung das halbe Leben. Lydia sucht hier nach den Kontaktdaten einer Solistin.
15:00
Lydia verabschiedet sich von den ersten Schneidern, die nun Feierabend haben, und geht eine Etage höher ins Stofflager, wo der Computer für das Leitungsteam steht und schreibt den Dienstplan für die nächste Woche. Anschließend erstellt Lydia eine erste Kalkulation der Arbeitsstunden für die neu abgegebene Produktion. In einer Excel-Tabelle trägt sie die Figuren, die dazu gehörigen Kostüme und die dafür geschätzte Arbeitszeit ein, um einen Überblick zu behalten und den Arbeitsaufwand des gesamten Teams grob einschätzen zu können. Im Bestfall können notwendige Überstunden der Schneider so rechtzeitig erkannt und eingeplant werden.
Lydia am Computer, den alle Werkstattleiter gemeinsam nutzen
Lydia am Computer, den alle Werkstattleiter gemeinsam nutzen
16:00
Lydia geht in den Zuschneideraum der Gewandmeisterin Susanne und bespricht mit ihr die neu erhaltenen Figurinen und die Reihenfolge der nächsten Arbeitsschritte, die Zeitplanung mit der Werkstatt sowie Details der einzelnen Kostümteile.
Farben und Stoffe suchen sie aufgrund der Vorlage der Figurinen aus.
Farben und Stoffe suchen sie aufgrund der Vorlage der Figurinen aus.
16:30
Lydia räumt ihren Arbeitstisch auf, schließt die Fenster der Werkstatt, macht das Licht aus und schließt die Tür zu. An der Pforte gibt sie den Schlüssel ab, schwingt sich auf ihr Fahrrad und fährt nach Hause.
Lydia vorm Staatstheater Braunschweig
Lydia vorm Staatstheater Braunschweig

Lydia Fritzsch, Gewandmeisterin, Werkstattleiterin der Damenschneiderei am Staatstheater Braunschweig aus Braunschweig



Lydia Fritzsch, die Tochter eines Dirigenten und einer klassischen Gitarristin, wusste schon früh, was sie einmal werden will und hat sich ihren Traumberuf Gewandmeisterin Schritt für Schritt erarbeitet. Erst einmal muss ein jeder Gewandmeister eine Lehre zum Schneider absolvieren, dann Arbeitserfahrungen sammeln und sich mit einer künstlerischen Mappe und zwei Tagen Aufnahmeprüfung an der Hochschule bewerben – in Deutschland gibt es diesen Studiengang nur in Dresden, in Hamburg als zweijährige Ausbildung an der Gewandmeisterschule. Ist der Titel geholt, so gilt es, eine der wenigen ausgeschriebenen Stellen als Gewandmeister zu ergattern. Lydia hat sich ihrem Ziel nun als Werkstattleiterin der Damenschneiderei am Staatstheater Braunschweig mehr als genähert und lebt sich im Planen und Gestalten der Kostüme für Opern- und Theatervorstellungen aus. Von der Arbeit am Theater erzählt sie im Interview.

Fäden

Wie kamst du zu deinem Job?
Durch meine Eltern war ich schon als Kind viel im Theater, die Kostüme haben mich da immer am meisten fasziniert. So kam es, dass ich schon als sechsjähriges Kind wusste, dass ich Kostüme fürs Theater machen will. Bei einem Schulpraktikum am Theater hörte ich zum ersten Mal vom Studium des Gewandmeisters in Dresden. Dafür muss man allerdings erst einmal eine Ausbildung zum Schneidergesellen machen. Nach dem Abitur habe ich also eine dreijährige Ausbildung in Radeberg in einer kleinen, privaten Schneiderei gemacht. Dort haben wir Änderungen, Maßanfertigungen und Aushilfsarbeiten für die Semperoper gemacht – das war besonders spannend. Nach der Ausbildung habe ich ein Jahr lang Praktika gemacht und gearbeitet, denn sechs Monate Berufserfahrung sind für das Studium Pflicht. Währenddessen habe ich meine künstlerische Mappe vorbereitet und mich für das Studium beworben und wurde zur Aufnahmeprüfung eingeladen, die ich bestanden habe. Es gibt immer acht Studenten pro Jahrgang, knapp 30 hatten sich beworben. Vier Jahre lang habe ich dann also an der Dresdner HfBK Kostümgestaltung studiert und das Studium 2015 mit einem FH-Diplom abgeschlossen. Diese Ausbildung gibt es in Deutschland nur in Dresden und Hamburg.

Kostüme

Was inspiriert dich?
Die Freude am Theater insgesamt und am Zusammenspiel der verschiedenen Künste, die dort zusammentreffen, aber auch die verschiedenen Werkstätten und Darsteller, mit denen man zu tun hat. Auch andere Kostümbildner sind inspirierend, weil jeder anders arbeitet und anders an Herausforderungen herangeht.

Was ist positiv an deinem Job?
Er ist unheimlich abwechslungsreich. Dadurch, dass immer wieder neue Produktionen kommen, beschäftigt man sich immer wieder mit anderen Materialien, Historien und Schnitten. Kein Tag ist wie der andere, eine ermüdende Routine tritt also nie ein. Die Teamarbeit macht mir Spaß, das funktioniert bei uns sehr gut.

Schnitte

Und was negativ?
Die Verträge sind oft auf ein oder zwei Jahre befristet und fast überall unterschreibt man den NV Bühne. Es gibt durchaus Tage, an denen man sehr viel arbeitet, manchmal von früh halb acht bis abends halb elf bei Endproben, das kann schon anstrengend sein. Es kann öfter stressig werden.

Würdest du den Job weiterempfehlen?
Ja. Wenn man am Theater arbeitet, muss man es lieben, mit Herzblut dabei sein und darf nicht die Stunden zählen. Für mich ist es genau das Richtige. Wenn man eine Faszination fürs Theater hat, kann ich den Job empfehlen. Allerdings muss einem als Gewandmeister klar sein, dass man nicht im Rampenlicht steht.

Damenschneiderei

Was sind deine drei wichtigen Worktools?
Mein Maßband, meine Schere und mein Gespür für Menschen und die Kommunikation miteinander, das ich vor allem bei Anproben und bei der Zusammenarbeit mit den Kostümbildnern benötige.

Maßband

Was rätst du Neueinsteigern?
Wichtig ist, dass ihr euch immer wieder Ausgleiche sucht, damit der Job euch nicht komplett in Beschlag nimmt und ihr ab und an Abstand zum Theater findet. Sucht euch dafür auch Kontakte außerhalb des Theaters, denn sonst dreht sich das ganze Leben nur doch darum. So könnt ihr auch Stress besser verarbeiten.

Wie schätzt du die Zukunft deines Berufsfelds ein?
Das hängt von der Zukunft des Theaters allgemein ab. Im Moment baut es schon an einigen Orten ab und ich weiß nicht, wie sich die Theaterwelt in Zukunft entwickeln wird. Als Gewandmeister kann man aber auch für Film und Fernsehen oder für Privataufträge arbeiten. Das erlernte Handwerk bietet eine gute Grundlage, die Vieles ermöglicht.

Nadeln

Was möchtest du noch erreichen?
Ich bin im Moment Werkstattleiterin und würde in Zukunft gern noch mehr Schnitte machen wollen. Gerade bin ich aber da, wo ich bin, sehr zufrieden. Ich habe so lange auf das Ziel der Ausbildung hingearbeitet und bin jetzt erst einmal angekommen.

Welchen Ausgleich gönnst du dir?
Salsa tanzen, im Chor singen, nach der Arbeit der fast tägliche Gang in den Garten mit meinem Partner und Freunde treffen.

Interview und Fotos: Katrin Haase

Steckbrief

  1. Alter: 30
  2. Wohnort: Braunschweig
  3. Beruf: Gewandmeisterin, Werkstattleiterin der Damenschneiderei am Staatstheater Braunschweig
  4. Branche: Theater
  5. Anzahl an Arbeitstagen: 6
  6. Arbeitsstunden pro Tag: 8
  7. Pausen pro Tag: 0,75
  8. Status: angestellt
Kontakt

E-Mail: lydia.fritzsch (at) gmx.de



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