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Kolumne
Psychologie

Die Stärke des Willens

Man muss es nur wollen. Foto: Leio McLaren / Unsplash

Man muss es nur wollen. Foto: Leio McLaren / Unsplash

Kolumne von Bernhard Stuhrmann

Sport und Arbeit haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vermutet: Viele Erfahrungen aus der Arbeit- und Sportwelt lassen sich ganz einfach verbinden. Am Ende zählt der Wille allein, ein erst unvorstellbares Projekt zu vollenden.

Einmal wurde ich in einem Vorstellungsgespräch gefragt, wie ich mich bei eintönigen Aufgaben in der Datenpflege selbst motivieren könne. Mir fiel sofort ein Beispiel aus dem Klettern ein: Du schaust nie hinauf zur Spitze, wenn du an der Wand bist, sondern fokussierst dich nur auf ein kurzes Stück vor dir, welches du abarbeitest und sobald du dieses geschafft hast, darfst du dich mit einer Kleinigkeit oder Pause belohnen. So erhält die Psyche ihre Belohnung und du verlierst nicht den Antrieb, weiterzumachen. Auf dem umgekehrten Pfad habe ich davon in einem Film (Sturz ins Leere (Originaltitel: Touching The Void), erschienen 2003) gehört, in dem ein Bergsteiger nach einem Unfall auf allen Vieren mit gebrochenem rechten Oberschenkel und zertrümmertem Knie, nach einem Sturz in 100 Meter Tiefe den Berg ohne Trinkwasser 4 Tage von rund 5800 Höhenmetern auf 4500 Meter zum Basislager hinabkroch. Dieser Bergsteiger hat nie die ganze Distanz im Blick gehabt, sondern hat sich immer nur 20 Meter fortbewegt, um dann kurz zu verschnaufen und seine Gedanken zu ordnen. Im Interview erzählte er davon und mir war plötzlich klar, dass ich es auf dem Weg nach oben genauso gemacht habe, natürlich unter viel besseren Umständen. Den Job habe ich übrigens nicht bekommen, was ich aber nicht auf meinen fehlenden Willen schiebe. In diesem Fall war es Unerfahrenheit, die andere Bewerber schon hinter sich gelassen hatten. Aber es war schon ein großer Erfolg, überhaupt für ein Bewerbungsgespräch eingeladen worden zu sein. Das signalisierte seitens der Firma Interesse an meinem Lebenslauf. Ab diesem Punkt gab es für mich kein Aufgeben mehr. Ich bereitete mich so gut es ging auf dieses Vorstellungsgespräch vor und obwohl ich etwas fiebrig war, wollte ich auf keinen Fall absagen. Denn eine Absage wäre eine Aufgabe gewesen.

Mehr geht immer
Es gibt nämlich noch etwas, das ich in meinem kurzen Leben bisher gelernt habe: wenn du sagst, dass du nicht mehr kannst, hast du mindestens noch 20 Prozent Energie übrig.
In meiner Freizeit trainiere ich mit einem Freund ein Rugby-Team von Frauen und Männern. In einer meiner ersten Sessions probierte ich etwas aus, das wir bei der Bundeswehr manchmal gemacht haben. Ich plante dazu ein Circuit-Training und veranschlagte für jede Station zwei Minuten. Mir war von vornherein klar, dass kaum jemand zwei Minuten jede Übung durchhalten würde, aber darauf kam es auch gar nicht an. Es war wie in einem Assessment-Center: Dort werden Kandidaten für die freien Stellen manchmal vor einen Berg Aufgaben gesetzt, die sie in der vorgegebenen Zeit gar nicht schaffen können. Ziel für die Bewerber sollte es auch gar nicht sein, alle diese Aufgaben zu beantworten, sondern einfach möglichst viele richtig zu beantworten. Dazu sollte sich die Psyche nicht unter Druck setzen lassen, denn dann würden Fehler passieren und das, obwohl noch genügend Zeit übrig bleibt, die nächste anzugehen. Was in dem einem Fall die Psyche und unseren Geist unter Druck setzt, schafft in dem anderen Fall körperlichen bzw. physischen Stress, der sich oftmals durch Worte wie „nicht noch mehr“ oder „ich kann nicht mehr“ ausdrückt. Entscheidend dabei war für mich zu beobachten, wer anscheinend belastbarer ist. Gut zwei Drittel des Teams hätten mehr geben können, denn für Witze untereinander reichte es in den Pausen jedes Mal. Wenn wir beim Bund während Läufen angefangen haben mit unserem Buddy zu quatschen, hat der Zugführer das Tempo jedes Mal gesteigert. Unangenehm daran war vor allem, dass man selten wusste, wie lange diese Runden waren. Zwischen 10 bis 16 km war alles drin und es war gewiss, dass danach noch Sport folgen würde. Das Männchen im Ohr, welches dir sagt, du könnest nicht mehr, musst du rauswerfen. Ich gebe zu, dass es bei mir auch etwas gedauert hat, dieses Gefühl des Hinschmeißens und Aufhörens zu überwinden. Aber es ist letztendlich nur eine Willenssache und je stärker man an sich selbst glaubt, desto stärker wird der Wille.
Dazu fällt mir ein Beispiel aus dem alten Japan ein. Dort haben sich angehende Samurais für ein Jahr ohne Kontakt zur Außenwelt einzeln in ein Haus begeben um vom Heranwachsenden zum Mann zu werden, der seiner Aufgabe gewachsen ist (aus dem Buch Hagakure von Tsunetomo Yamamoto, entstanden zwischen 1710 bis 1716). Nun glaube ich nicht, dass noch irgendjemand bei Verstand sein Leben als Knecht oder Diener freiwillig in den Dienst eines Fürsten stellt und dieses mit dem Ableben des Herrschers auch beendet, aber die Hingabe zur richtigen Vorbereitung auf die bevorstehende Aufgabe fasziniert mich. Ein Jahr lang ohne soziale Kontakte in einem Haus zu leben und sich nur mit sich selbst und seinen Schwächen zu beschäftigen und diese abzulegen, halte ich für eine Meisterleistung. Es bedarf eines starken Willens, das durchzuziehen.

Probleme im Kern erkennen und beheben
Ich fand schon das Leben auf einer Insel so groß wie 2,5 Fußballfelder im Indischen Ozean für ein Jahr als ziemlich strapazierend und dabei hatte ich sogar noch Gesellschaft. Aber leben und arbeiten am gleichen Fleck lehrt einen eine sehr wertvolle Lektion. Kein Problem ist so groß, dass man es sich erlauben könnte, es links liegen zu lassen. Das fällt mir inzwischen oft auf meiner Arbeit auf. Es wird teilweise gar nicht mehr versucht, ein Problem im Kern zu erkennen und dieses zu beheben. Stattdessen wird häufig einfach akzeptiert, dass der vorgeschlagene Weg nicht begehbar sei. Stellt euch vor, was passiert wäre, wenn nach sieben Tagen noch immer kein Versorgungsboot an der Insel angelegt hätte oder etwas weniger drastisch, ein Blitzeinschlag den Stromgenerator beschädigt hätte. Man wächst mit seinen Aufgaben.
Was ich euch vermitteln wollte: egal welcher Job oder welche Aufgabe vor euch liegt, es immer leichter ist, einfach aufzugeben, aber das man nur vorankommt, wenn man den starken Willen hat, das gesteckte Ziel zu erreichen.

Bernhard Stuhrmann ging nach der Schule zum Militär. Danach arbeitete er mehrere Jahre in kaufmännischen Berufen im In- und Ausland, einschließlich einer kleinen Insel auf den Malediven, bis er schließlich 2017 nach Berlin zurückkehrte. Hier fand er einen Job im Einkauf und trainiert nebenher als Assistenz-Coach Rugby.

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