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Kolumne

Intensivstation im Kinderzimmer: Einblick in die ambulante Kinderkrankenpflege

Die ambulante Kinderkrankenpflege leistet große Hilfe für kleine Helden. Foto: Mobile Ambulante Pflegepartner GmbH & Co. KG

Die ambulante Kinderkrankenpflege leistet große Hilfe für kleine Helden. Foto: Mobile Ambulante Pflegepartner GmbH & Co. KG

Werde ich gefragt, was ich beruflich mache, schauen mich auf meine Antwort oft zwei große, fragende Augen an. „Was machst du?“ „Ich arbeite in einem ambulanten Kinderkrankenpflegedienst.“ Wieder Stille. „Ich bin ursprünglich gelernte Kinderkrankenschwester.“ „Ach ja“, sagt mein Gegenüber, das ist bekannt. „Mittlerweile bin ich im Qualitätsmanagement tätig.“ Jetzt fällt der Groschen – mein Gesprächspartner nickt wissend. Nun hat er verstanden. Und ich frage mich: Hat er tatsächlich ein Bild davon, aus welcher Unternehmensbranche ich komme? Ich führe fort: „Wir versorgen schwerstkranke, zum Teil beatmete und tracheotomierte Kinder. Stell dir eine Intensivstation in der Klinik vor und nun stell dir vor, diese Intensivstation befindet sich in einem Kinderzimmer.“ Mein Gegenüber blickt erneut erstaunt. „Was, das gibt es?“ „Na klar“, sage ich, „Kinder, die in der Klinik aufgrund einer schweren erworbenen oder angeborenen Erkrankung, eines Unfalls oder anderer Ursachen behandelt werden und auskuriert sind, müssen irgendwann aus der Klinik entlassen werden. Auch wenn sie weiterhin beatmet sind. Sie wollen, wie jedes andere Kind, einfach nach Hause in ihre vertraute Umgebung.“ „Stimmt,“ sagt dann das nachdenkliche Gesicht, „darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.“

Und wieder einmal…
Ich steige aus meinem Auto, einem Dienstwagen mit Werbung für unser Unternehmen. Ambulante Kinderkrankenpflege steht darauf. Meinen kleinen Sohn habe ich gerade von der Tagesmama geholt. Eine ältere Frau kommt auf mich zu. „Sie passen wohl auf kleine Kinder auf?“, fragt sie und zeigt auf meinen Sohn, dann auf unser Werbeschild. „Nein,“ sage ich lächelnd. „Das ist mein Sohn. Aber ja, wir kümmern uns um sehr kranke Kinder.“

Ich bin auf einem Pflegekongress. „Was machen Sie denn beruflich?“, fragt mich ein Mann, der ebenfalls am Kongress teilnimmt. Auf meine Antwort folgt die gleiche Reaktion wie gewohnt. Ich erkläre ihm, was ambulante Kinderkrankenpflege ist. „Stimmt, habe ich irgendwie schon einmal gehört“, sagt er. „Aber berufspolitisch spielt die Kinderkrankenpflege keine große Rolle“, meint er, dreht sich um und geht.

Ein Blick auf die Zahlen
Ja, das ist korrekt, die Fakten sprechen für sich. Nur circa drei Prozent der 2,34 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Aber sind 66.000 pflegebedürftige Kinder und Jugendliche unwichtig? Ist deren gesicherte medizinische und pflegerische Versorgung durch Fachpersonal unwichtig? Reicht es aus, wenn sich Eltern, urplötzlich mitten in der Intensivpflege ihres Kindes befindend, allein um ihre Kinder kümmern? Die Reaktionen meiner Gegenüber vermitteln mir oft das Gefühl.

Wie muss es sich für Eltern anfühlen?
Habt ihr euch schon einmal gefragt, wie es ist, Eltern eines schwerkranken Kindes zu sein, dessen Leben möglicherweise von Beatmungsschläuchen abhängig ist? Oder wie es wäre, wenn man euch morgen einfach unvorbereitet auf eine Intensivstation verfrachten würde? Allein, ohne Ärzte und Pflegepersonal an eurer Seite? Ohne dass ihr jemals dafür ausgebildet wurdet? Könnt ihr euch vorstellen, wie viel physische und psychische Kraft dies betroffene Eltern täglich kosten mag? Ständig in der Angst, das eigene Kind jederzeit verlieren zu können. Das Horchen nach einem Piepen der Überwachungsgeräte – Tag und Nacht. Angst vor jeder lebensbedrohlichen Krise, die bis zum Eintreffen des Notarztes allein überbrückt werden muss. Zu Hause. Ohne Fachkenntnisse. Ohne jederzeit verfügbare Hilfe.

Es gibt Helfer
Diese Eltern wird es geben. Die nicht wissen, dass es da jemanden gibt, finanziert durch die Kranken- und Pflegeversicherung: die ambulante Kinderkrankenpflege. Diese Minderheit an Pflegefachkräften, höchst qualifiziert, die wie in der Klinik auf ihr Kind aufpasst, es vor lebensbedrohlichen Krisen bewahrt, fachlich versiert und rund um die Uhr. Pflegefachkräfte, die all die medizinischen und pflegerischen Aufgaben übernehmen können, sodass Eltern einfach nur Eltern sein dürfen. Die dem eigenen Kind und der ganzen Familie die großen Ängste ein Stück nehmen können.
Mein Gegenüber, die ältere Frau und der Mann vom Kongress – sie alle drei wären vielleicht genau die Eltern. Hätten sie sich nicht auch gewünscht, sich in professionellen Händen aufgehoben zu fühlen? Ein Stückchen mehr Lebensqualität für ihr Kind und für sich? Es aber nicht haben, da sie nicht wussten, dass es uns gibt.

Ein Blick in die Vergangenheit
Ich gebe es zu: Vor zehn Jahren war mir der Begriff ambulante Kinderkrankenpflege ebenfalls nicht geläufig. Heute bin ich froh, vor genau zehn Jahren diesen Weg als Alternative zum Klinikalltag gegangen zu sein. Warum? Weil ich neben meinem Wunsch, mit Kindern zu arbeiten, ihre Lebensqualität zu verbessern und mich fachlich weiterbilden zu können, hier vor allem Eines fand: Zeit für die kranken Kinder – Zeit für die Pflege. Mit flexiblen Arbeitszeiten im Schichtsystem. Mit viel Gestaltungsspielraum meiner Tätigkeiten und vielen Herausforderungen.

Mein Wunsch für die Zukunft
Ich hoffe, eines Tages nicht mehr mit fragenden Augen angeschaut zu werden, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde. Dann hat man diese Kinder und sie – die ambulante Kinderkrankenpflege – nicht mehr vergessen, sondern ihre Wichtigkeit erkannt.

Christin Nimmrichter, Dipl. Pflegewirtin (FH) und Kinderkrankenschwester, ist seit zehn Jahren bei der Mobilen Ambulanten Pflegepartner GmbH & Co. KG tätig. Als Qualitätsmanagerin, Personalentwicklerin und Datenschutzbeauftragte strebt sie durch Vernetzung von grauer Theorie und bunter Pflegepraxis nach besten Bedingungen für Patienten und Mitarbeiter.

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