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Meine Suche nach dem FLOW

Foto von Luis Tosta / Unsplash

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von Anne van Dülmen

Eine Freundin brachte mir vor einiger Zeit einmal ein Buch mit, das jemand in ihren Hausflur gelegt hatte – in Berlin eine weit verbreitete Methode, Dinge zu „verschenken“, die man loswerden möchte. Der Titel: „FLOW im Beruf. Das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz“ von Mihaly Csikszentmihalyi. Ich wollte mich damals beruflich neu orientieren, hatte aber keine Ahnung, was zur Hölle ich machen sollte. Offenbar hatte meine Freundin die vage Hoffnung, das Buch könnte mich da irgendwie weiterbringen.

Das Phänomen des FLOW erklärte sich schon im Klappentext als eine „Glückserfahrung in der Form des völligen Eingebundenseins und des Aufgehens in einer Tätigkeit“. Wow. In dem, was man tut, „Aufgehen“ – sich selbst und alles rundherum vergessen: das klingt nach Meditation, nach dem Leben im Hier und Jetzt, nach Ganzbeisichsein, Einssein mit dem Universum. Mehr Identifikation geht nicht, das höhere Selbst ruft. Wenn ich bei einer bestimmten Tätigkeit in eine derartige Trance fallen würde, so dachte ich, würde mir das vielleicht helfen, endlich meine echte Berufung zu finden.

Ich machte mich also auf die Suche nach dem FLOW und beobachtete mich bei allem, was ich so tat. Aber mein Alltag blieb so uninspiriert wie er damals war. Zwischen Teilzeitjob und Kinderbetreuung hin- und hergerissen wollte keine Versunkenheit aufkommen. Ablenkungen und Unterbrechungen hielten mich davon ab, aber auch eine Mischung aus ständiger Unter- und Überforderung gepaart mit der Überzeugung, aus dieser Mühle aussteigen zu müssen. Der Kopf war stets woanders. Frustrierend!

Finde den FLOW!
Aber eines Tages geschah es dann doch – und zwar beim Putzen. Diese meditative Aktion. Konzentrierte Abwesenheit. Unmerkliche Zielstrebigkeit. Freude über selbst geschaffene Ergebnisse. Irgendwie ging das schon ein bisschen in Richtung „Aufgehen“ in einer Tätigkeit. Aber was das nun mit meiner Berufung zu tun haben könnte? Ich nahm das Buch wieder zur Hand und lernte: der richtige FLOW kommt nur, wenn man weder unterfordert, noch überfordert ist. Ein bisschen anstrengen muss man sich also, einfache Routinetätigkeiten wie putzen machen zwar zufrieden, aber das ist nicht dasselbe. Marathon laufen, ein Herz operieren – So etwas in der Art muss es schon sein. Das entspannte Wegdriften am Staubsauger war also doch nicht das, wofür ich es gehalten hatte. Aber wenigstens war ich nicht unterbrochen worden und hatte ein Erfolgserlebnis, was bei Müttern mit kleinen Kindern schon einmal zu unerwarteten Hochgefühlen führen kann.

Wer den FLOW finden will, braucht also eine sinnvolle Aufgabe, die ihn fordert. Ein toller Nebeneffekt: im FLOW hört man auf zu grübeln. Depressionen und negative Gedanken haben keine Chance mehr. Csikszentmihalyi gibt zwar zu, dass man das auch „mit bekannteren Formen des Eskapismus erreichen kann, also mit Alkohol, Drogen oder Promiskuität“. Aber wer im FLOW ist, befinde sich in einem Zustand des „Vorwärts-Entkommens aus der momentanen Realität“. Letztlich geht es also darum, an Herausforderungen zu wachsen und sich weiter zu entwickeln. Mehr noch: Während wir „unser Selbst für die Dauer des FLOW-Erlebnisses in der Regel vergessen, kehrt das Selbstwertgefühl im Anschluß an diese Erfahrung stärker als zuvor wieder. Menschen, die vergleichsweise mehr FLOW-Erfahrungen machen, haben auch ein insgesamt höheres Selbstwertgefühl“.

Arbeit macht glücklich – und süchtig
Soviel zur Psychologie der Arbeit als Weg zur Selbstfindung. Die ganze Theorie rund um den FLOW scheint also zwei altbekannte Maximen zu bestätigen: Einfach machen! Und: Höher, weiter, schneller! Erfüllende Arbeit macht glücklich – aber manchmal auch süchtig. Wie tröstlich, dass einfach mal nur Putzen schon zu einem Grundrauschen an Glücksgefühlen führen kann. Das ist ja manchmal schon ein großer Gewinn, Berufung hin oder her. Hauptsache, man tut was und das was man tut, macht Sinn.

Anne van Dülmen hat lange als Steuerjuristin gearbeitet und ist derzeit in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Als Autorin bei WORK IN PROCESS sucht sie mutig und freundlich nach neuen Perspektiven in der Arbeitswelt. Mutigundfreundlich.de heißt auch ihr persönlicher Blog.

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