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Kolumne

Das Fairphone

Das Fairphone / Foto: Anja Graff

Das Fairphone / Foto: Anja Graff

Kolumne von Anja Graff

Technische Ausrüstung – das faire & modulare Smartphone

Der Sinn von technischen Geräten sollte eine allgemeine Erleichterung sein. Sich verselbstständigende Smartphones, die nach 24 Monaten intensiver Nutzung ihrer Eigenschaft als Wegwerfmedium alle Ehre machen, nerven. Seit knapp einem Jahr besitze ich ein Fairphone der zweiten Generation. Dem Konsumtrend gen Nachhaltigkeit mit logischen Argumenten folgend, erschien mir diese Anschaffung sinnvoll. Den digitalen Dschungel des täglichen Lebens durchquere ich mit meinem Fairphone, auch ein Großteil unserer Instagram-Fotos sind mit diesem Gerät entstanden. All das ist Grund genug, das faire Smartphones genauer zu beleuchten.

Der Gründungs-Check

Die Geschichte hinter dem Fairphone ist für mich der lebende Beweis, dass man weltverbessernde Ideen eben doch in die Realität umsetzen kann. Das Geburtshaus des Fairphones ist die WAAG Society – ein niederländisches Institut, dass seit 22 Jahren im Bereich Kunst, Technik und Wissenschaft forscht und experimentiert. Gründer Bas van Abel launcht die Idee Fairphone mit dem Statement: „Wenn du‘s nicht öffnen kannst, gehört es dir nicht“ und trifft den Nerv des kritischen Konsumenten elektronischer Geräte. 2012 taucht das Fairphone im europäischen Digital Social Innovation Report auf. Vorbereitend hat es insgesamt drei Jahre an Forschung und einer Aufklärungskampagne über Konfliktmineralien gebraucht, bis 2013 die Business-Idee in eine geschäftsfähiges Fundament gegossen wurde. Der Firmensitz vom Fairphone ist in Amsterdam in der Rechtsform einer niederländischen GmbH, genannt B.V. Für diese Art der europäischen Rechtsform braucht es 18.000€ Stammkapital (in Deutschland 25.000€). Eine B.V. ist zwar zur Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung verpflichtet, muss aber keinen Jahresbericht für die Öffentlichkeit erstellen. Wenn man aber als Aufklärungskampagne startet, dann ist Transparenz ein genauso gleichwertiges Nonplusultra wie die produktbegleitende Kommunikation. Heute arbeiten mehr als 50 Mitarbeiter bei Fairphone, Bas van Abel ist noch immer als CEO mit von der Partie. Das Business-Profil: ein soziales Unternehmen, das ein ethisch fair hergestelltes Smartphone produziert.

Was aber genau ist fair am Fairphone?

Stichwort Konfliktmineralien: Die großen Vier im Herstellungsprozess von Unterhaltungselektronik sind Zinn, Talan, Gold und Wolfram. Diese Rohstoffe werden im Bergbau erschlossen und die rohstoffreichen Länder sind meistens die Krisengebiete. Fairphone setzt sich in verschiedenen Stationen entlang der Wertschöpfungskette für bessere Arbeitsbedingungen und fair gehandelte Materialien ein.
Stichwort Wegwerfprodukte: Es werden Recyclinglösungen gesucht und umgesetzt, um Elektroschrott zu vermeiden. In 2015 wurden über 770 Millionen Smartphones allein in China produziert; wenn die alle nach zwei Jahren kaputt gehen – fröhliches Wachsen der Elektroschrottmüllberge.

Kaufargument Glaubwürdigkeit

Der aufgeklärte, neugierige, sozial verantwortliche Smartphone-Besitzer wäre wahrscheinlich die Basis der Zielgruppen-Persona. Die Fairphone-Eigentümer oder -Interessierten werden über verschiedene Medien bespaßt und informiert: Instagram hat 8,6k Follower, #fairphone hat 6,5k Beiträge, Facebook 133,6k Likes, LinkedIn 5.6k Follower. Das Fairphone hat diverse Awards in variablen Kategorien in 2015 und 2016 abgeräumt: Produktdesign, Green Tec, schnellstwachsendes Tech-Unternehmen etc. Den blauen Engel, seines Zeichens das älteste und renommierteste Umweltgütesiegel, gab‘s 2016. Im aktuellen Greenpeace Guide to Greener Electronics führt das Fairphone mit einem B-Rating. Das Story-Telling des Fairphones verspricht eine Glaubwürdigkeit, die schlüssig darlegbar ist und deswegen integer daherkommt.

Der Wettbewerb

Apropos Glaubwürdigkeit: Ein bisschen stutzig hat mich das B minus-Rating von Apple im genannten Greener Electronics Guide von Greenpeace gemacht. Stand der Elektronikgigant doch gefühlt gestern noch in der Kritik, fürchterlichste Produktionsbedingungen zu dulden und gar vertuschen zu wollen. Ein Schelm, wer hier an Greenwashing denkt. Ach, und wo wir gerade bei Wettbewerbern sind: Natürlich interessieren mich auch durchsetzungsfähige Wettbewerber in dieser Produktkategorie: Es gibt noch das Shiftphone. Über die deutsche Version des fair produzierten Smartphones bin ich erst im Zuge der Artikelrecherche gestolpert. 2014 über Crowdfunding zum Leben erweckt und mit denselben Features wie das Fairphone: fair, modular, Android-basiert. Hersteller ist ein deutsches Familienunternehmen aus der Nähe von Kassel, die neben Smartphones auch Tablops (eine Kombination von Tablet und Laptop) im Produktportfolio haben.

Es fühlt sich verdammt gut an, Besitzer und Nutzer eines fairen Smartphones, in meinem Fall des Fairphones 2, zu sein. Das Produkt überzeugt und irgendwie wird man ganz automatisch Fan und ggf. Missionar. Ich bitte um Entschuldigung, wenn das wie eine einzige Werbeveranstaltung klingt. Überzeugt war ich aber schon bevor ich diesen Artikel geschrieben habe, weil die ganze Geschäftsidee neben der grünen, ethisch korrekten Glaubwürdigkeit einen weiteren charmanten Vorteil bietet: den DIY-Aspekt.

Modularität und Nutzungsperformance

Wenn etwas an dem Fairphone kaputt oder technisch überholt ist, heißt es nicht: „Kauf komplett neu“, sondern „Mach‘ ganz und zwar selber“. Die Ersatzteile sind preislich erschwinglich und reihen sich nachvollziehbar in das Gesamtkonzept Fairphone ein. Die alten Geräteteile schickt man, um den Recyclingkreislauf zu schließen, zurück. Die notwendigen Verbesserungen der Schwachstellen des Fairphone 1, also der ersten Produktionsreihe, sind umgesetzt worden. Das Geschäftskonzept Fairphone scheint von allen Seiten gut durchdacht, ohne das Blaue vom Himmel zu besprechen. Die gängigste physische Schwachstelle am alltäglichen technischen Begleiter – das Display – ist überraschend robust. Das erste Smartphone in meiner Chronologie ohne „Spiderman-App“. Der Akku ist nicht besser oder schlechter als bei anderen Geräten; für 20 € kann man über eine Neuanschaffung durchaus nachdenken. Die technische Seite in Form der neusten Android-Version (6.0.1) läuft auf meinem Gerät fehlerfrei; Apps lade ich über den Google Play Store herunter. Besonders gut: die Menüführung ist simpel und funktional.

Zugegeben, Fairphone vereint viele Themen im Sinne der ethischen und grünen Machart unter einem Hut. Das klingt zu gut, um wahr zu sein? Die Gewinnmarge von 9 € pro Gerät soll hier nicht das Haupt-Pro-Argument für die Glaubwürdigkeit sein. Aber genau diese, und dass das Gerät tatsächlich seine Dienste tut, machen es mir sehr schwer, nicht weiterhin begeistert zu sein.

Anja Graff ist gelernte Bankerin und Autorin bei WORK IN PROCESS. In ihrer Kolumne auf WORK IN PROCESS schreibt sie über alles, was ihr im digitalen Dschungel widerfährt.

Foto: Anja Graff

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