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Warum ich das deutsche Steuersystem liebe

Steuern machen Spaß. Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

Steuern machen Spaß. Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

Kolumne von Thomas Adler

Während sich meine Begeisterung für die Bundesrepublik Deutschland in Grenzen hält, liebe ich indes das deutsche Steuersystem. Ja, im Ernst: Im Prinzip ist das deutsche Steuersystem absolut undeutsch. Während in diesem Land so ziemlich alles genormt und reguliert ist, der Rasen vor den Einfamilienhäusern (steuerlich gefördert übrigens) immer hübsch konform geschnitten und rechtwinklig, ist das Steuerrecht ein einziges Abenteuer: tückisch, anarchisch, voll kleinster Gefahren lauernd. Keine Wegweiser, keine Warnschilder, ein Surviving of the fittest… Allein die Tatsache, dass 70 Prozent der Weltliteratur zum Thema Steuern in deutscher Sprache verfasst ist, gibt einen Eindruck davon, welch Wagnis es ist, sich das Elsterformular herunterzuladen und in wagemutiger Absicht zu versuchen, eine Steuererklärung zu erstellen.

Die Fallen
Manch mutiger Geselle ist schon hinter schwedischen Gardinen geendet, weil er sich verfrüht über die Tatsache erfreute, dass man als Selbständiger Werbegeschenke von der Steuer absetzen kann. Dieses fröhliche Präsenteverteilen findet indes ein jähes Ende, sollte man auf die glorreiche Idee kommen, einem guten Kunden ein Geschenk über 35 Euro zu überreichen. Das Delikt: Bestechung bzw. Korruption.

Ebenfalls mit einem Bein im Knast stehen Naivlinge, die glauben, Reisekostenerstattungen und Spesen seien keine Einnahmen. Überhaupt ist es sensationell, was in den Augen des Finanzamtes alles als Einnahmen gilt: Private PKW-Nutzung bei Selbständigkeit: Einnahme, das Gleiche gilt für die private Telefonnutzung; und selbst wenn mich mein Auftraggeber zum Frühstück einlädt, so ist dies ein geldwerter Vorteil, also: Einnahme.

Eine der größten Fallen allerdings ist das Thema Arbeitszimmer. Ein Arbeitszimmer in der Privatwohnung muss zu 100 Prozent geschäftlich genutzt werden. Das Finanzamt überprüft dies mit Hausbesuchen, wobei es aus dem Inventar des Zimmers auf seine Funktion schließt. Bett, TV, Bügelbrett: Keine Chance. Nicht einmal Sex im Arbeitszimmer ist erlaubt, es sei denn, die Partnerin ist deine Angestellte…

Die Ungerechtigkeiten
Wenn euch die Reichen in den Talkshows erzählen, sie würden 45 Prozent Steuern zahlen: Glaubt ihnen kein Wort. Im Moment sieht die Steuertabelle wie folgt aus: Die ersten 8652 Euro sind der steuerfreie Grundfreibetrag. Die ersten 100 Euro, die darüber liegen, werden mit dem Eingangssteuersatz von 14 Prozent belegt. Diesen Steuersatz, der die letzten 100 verdienten Euro betrifft, nennt man Grenzsteuersatz. Er steigt allmählich an, bis er bei einem Jahreseinkommen von 96000 den Spitzensteuersatz von 42 Prozent erreicht. Erst ab 250.000 Euro gibt es dann noch einmal einen Sprung auf 45 Prozent: Den Höchststeuersatz. Dies heißt also nichts anderes, als dass auch jemand mit einem Einkommen über einer Million Euro auf die ersten 8652 Euro keine Steuer zahlt, und dann mit 14 Prozent einsteigt. Der tatsächliche – sozusagen der Durchschnittssteuersatz – des Einkommensmillionärs kann sich somit rein rechnerisch den 45 Prozent nur annähern, sie aber nie erreichen.

Besonders ungerecht ist die Abgeltungssteuer, also die Steuer auf Kapitalerträge. Derzeit zahlen Bürger auf Einkünfte aus Kapitalerträgen eine pauschale Abgeltung von 25 Prozent, Arbeitseinkommen werden deutlich höher besteuert.

Und dann Kinder!
Kinder – im Prinzip eine tolle Sache, in der Praxis dann doch immer wieder unpraktisch in der Handhabung, überraschend kostspielig im Unterhalt. Und steuertechnisch so kompliziert, dass ich dem Thema in Zukunft eine eigene Kolumne widmen werde.

Die Anarchie
Nur wer skrupellos und kaltblütig die Schlupflöcher im Steuerdschungel nutzt, kann sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Moralisten verschaffen. Streu in jede Unterhaltung im Restaurant ein paar Worte aus dem Geschäftsbetrieb ein, und du kannst das Rendezvous mit deiner neusten Flamme als Geschäftsessen absetzen. Deklariere deinen Lieblingswein oder dein Lieblingsparfum als Werbegeschenk, mach deinen Psychotherapeuten zu deinem Coach, vergiss nicht, auch den Schornsteinfeger, den Hausmeister, die Müllabfuhr als Werbungskosten zu deklarieren. Obwohl nur verschreibungspflichtige Medikamente als außergewöhnliche Belastungen anerkannt werden, egal, leg sämtliche Apothekenquittungen in die Steuererklärung: Sollen DIE sich doch die Mühe machen, das Ganze auseinander zu klamüsern. Überhaupt: Müll das Finanzamt mit Belegen zu. Im Kampf gegen die deutsche Bürokratie gibt es nur zwei Möglichkeiten:
1. Sie macht dich verrückt oder
2. Du machst sie verrückt.

Der Wildwuchs
Irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts, Preußen war mal wieder in irgendeinen Krieg verwickelt, wurde zur Finanzierung der Armee die Sektsteuer eingeführt. 1 Taler (oder wie die Währung damals auch immer hieß) pro Flasche Sekt: Eigentlich eine soziale Idee, sollte doch der Adel den von ihm angezettelten Krieg finanzieren. Das Problem aus heutiger Sicht ist nur: Diese so genannte Schaumweinsteuer wurde seitdem nie wieder abgeschafft. Heutzutage zahlt ein jeder für das Massenprodukt Sekt eine Steuer von einem Euro je Flasche. Wurde eine neue Steuer erst einmal eingeführt, wird sie nie wieder abgeschafft. Der Solidaritätszuschlag war einst für maximal fünf Jahre erdacht worden; ich behaupte: Es wird ihn auch in 100 Jahren noch geben.

Alles so herrlich, alles das, was mich glücklich und zugleich manchmal kirre macht: das deutsche Steuersystem. Warum ich es gleichzeitig liebe und doch manchmal daran verzweifle; darüber erfahrt ihr bald mehr. Grüße von der Steuerfront.

Thomas Adler ist Diplom-Kaufmann, Künstler-Coach und Existenzgründer-Berater in Berlin und hilft seit Jahren dem einen oder anderen Künstler aus der bürokratischen Patsche.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

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