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Bewerbung
Kolumne

Anstiftung zu weniger Selbstzweifeln: die Wettbewerbung

Foto: Anja Graff

Foto: Anja Graff

Sei es, um den Marktwert zu testen, wegen angestrebter beruflicher Neuorientierung oder weil die Befristung des Arbeitsvertrages ansteht: Bewerbungen sind ein notwendiges Übel. Und kaum einer mag sie. Wie man DIE richtige Bewerbung schreibt, darüber gibt es tausende Artikel und Meinungen. Wie man mit einer Ablehnung umgeht eher nicht, außer: Nimm’s nicht persönlich. Hier ein Ideenansatz für eine andere Herangehensweise.

Der Faktencheck
Was steht in der Stellenanzeige? Was bringst Du mit? Wie groß ist die Schnittmenge? Was ist Verhandlungsmasse?
Was bringe ich mit: Mit 20 Jahren Praktikum bei einem Versicherungsdienstleister. Mit 21 Jahren duales Studium in der zweitgrößten Bank Deutschlands. Direkteinstieg in der Geschäftskundenbetreuung. Projektmitarbeit in der Zentrale im auch als Frankfurt am Main bekannten Mainhattan. Da war ich 26. Danach Wechsel in die Industrie und Branche der Investitionsgüter. Genauer: Vermietung von Gabelstaplern von der Nordseeküste bis Kassel. Abschluss englischsprachiger MBA mit 29. Aktuell mitverantwortlich für ein EU-Projekt im öffentlich-rechtlichen Sektor. Das sind die Fakten. Klingt eigentlich ganz gut, oder?

Sei ehrlich zu Dir selbst.
Was kann ich aber wirklich und wie finde ich es heraus? Ein Beispiel. Meine Jobs hatten alle die Kundenbeziehung gemeinsam, was mir nach wie vor am meisten Freude im Berufsalltag macht. Mein erster Arbeitsauftrag nach dem Studium lautete: Vertrauen aufbauen oder in Unternehmerdeutsch Bestandskundenpflege. Konkret bekam ich ein bunt zusammen gewürfeltes Kundenportfolio von Geschäftskunden. Es hat teilweise viele Anrufe und Überzeugungsarbeit gebraucht, einen persönlichen Termin zu vereinbaren. In den Gesprächen mit Unternehmern, die meine Kunden waren, habe ich viel gelernt. Bindung kostet Zeit. Business wird zwischen Persönlichkeiten gemacht. Beziehungen werden widerstandsfähig, wenn auch in Krisenzeiten der Servicegedanke beibehalten wird. So weit, so einfach. In meinen Arbeitszeugnissen steht als Ergebnis etwas von „ausgeprägter Kommunikationsstärke“. Quatschen mit unterschiedlicher Klientel (und vielleicht noch einer zweiten Sprache) – Check und Nummer eins auf meiner Soft Skill Liste. Aber: welche Persönlichkeit war ich denn mit Mitte 20, einem 50-jährigen Unternehmer zu erklären, welche Dienstleistung er braucht? Gute Frage und die entscheidende noch dazu.

Verkaufe ihnen, was sie haben wollen.
Hinter jeder Stellenanzeige steckt eine „Bewerber-Persona“: die ideale Besetzung. Je differenzierter die Position, desto komplexer die Stellenbeschreibung. Die Persiflage darauf: Unter 20, fünf Fremdsprachen fließend, 30 Jahre Berufserfahrung (davon 20 im Ausland) sowie drei Master-Abschlüsse (mit Auszeichnung, versteht sich). Das Gehalt liegt dann so bei 20.000 € p.a. Hahaha, sollte man sich denken. Leider raufe ich mir meistens die Haare und denke: WTF? Ich bin einfach nicht gut genug. Quatsch! Instagram-Filter, Selfie-Assistenten, Motivationsbücher mit Titeln „Werde, der/die Beste, die Du sein kannst“. Perfektion auf allen Kanälen. Modellierung des Dargestellten. Nichts anderes geschieht bei so einer Stellenanzeige. Also: Verkaufe ihnen, was sie haben wollen. Aber Achtung: im Unterschied zur buyers persona aus dem digitalen Marketing, entsteht eure „Bewerber-Persona“ auf Vorlage einer real existierenden Person. Das heißt: ist die Abweichungen zum Original zu groß, wird es unglaubwürdig. Es sei denn man hat ein Talent zum Schauspielern. Auch eine Strategie – die für mich nicht funktionieren würde. Das heißt konkret: Highlights setzen. Bestenfalls auf den roten Faden eures Lebenslaufes und sei der noch so zickzackig. Wir leben in einer freien Marktwirtschaft und jeder wappne sich so gut er kann in dem Bewerbungskampf mit einer wettbewerbsfähigen Unterlage: der Wettbewerbung. Ich bitte darum, dass sich niemand zum Schaumschlägertum angestiftet fühlt. Nur zu weniger Selbstzweifeln und Perfektionszwang.

Anja Graff ist gelernte Bankerin und Autorin bei WORK IN PROCESS. In ihrer Kolumne auf WORK IN PROCESS schreibt sie über alles, was ihr im digitalen Dschungel widerfährt.

Autor und Fotografie: Anja Graff

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